GB (2016)

Gbust_Promoplakat_A4 300dpi_ohne CL_RZ„Ghostbusters 3D“ ist ein großartiges Spiel aus Komödie und Lichtdesign. Vier Frauen statt Männern? Pah. Den Vergleich mit dem Original muss der Film nicht scheuen.

Das Beste über Paul Feigs Ghostbusters-Adaption gleich vorweg: Die Fanboys werden den Film hassen. Feig bestätigt die schlimmsten Erwartungen all der Aufgebrachten, die sich seit Monaten darüber beschweren, dass in der Neuauflage ihres Kultfilms vier Frauen die Hauptrollen spielen. Macht der vermeintliche Political-Correctness-Wahn nicht einmal mehr vor nostalgischen Kindheitserinnerungen halt? Macht er nicht! In Ghostbusters 3D gibt es Witze über Vaginalfürze, Chris Hemsworth wird zum Sexobjekt degradiert und im spektakulär illuminierten Showdown, in dem sich die vier Geisterjägerinnen einer wuchernden Mutation des ikonischen Ghostbusters-Logos erwehren müssen, bekommt der Endgegner den berühmten vierfach gekreuzten Protonenstrahl dahin, wo es am meisten wehtut.

Man darf diesen Schlag ins Kontor durchaus buchstäblich verstehen, auch wenn es hochgradig frustrierend ist, im Jahr 2016 das Thema Gender noch immer unterhalb der Gürtellinie diskutieren zu müssen. Der rassistische Shitstorm, der die Hauptdarstellerin Leslie Jones kurz nach dem US-Start dazu veranlasste, ihren Twitter-Account vorübergehend zu schließen, zeigt allerdings auch, dass sich die sozialen Netzwerke zunehmend zur Kloake der freien Meinungsäußerung entwickeln. Regisseur Feig hat die hasserfüllten Reaktionen antizipiert und direkt in seinen Film eingebaut. Nach ihrem ersten erfolgreichen Einsatz stellen die Geisterjägerinnen ihre Videoaufnahmen auf YouTube und Kristen Wiig liest die ersten Kommentare vor: Sätze wie Ain’t no bitches gonna bust no ghosts – der amerikanische Troll-Slang zeigt der deutschen Synchronisation wieder ihre Grenzen auf – könnten direkt aus den Hassforen selbsterklärter Fans stammen.

Diese lange und deprimierende Vorgeschichte überschattete in den USA auch die Rezeption des Films. Die US-Kritik kam fast ein wenig beleidigt zu dem Fazit, dass sich Ghostbusters nicht als feministisches Manifest eigne. Was vollkommen richtig ist, allerdings hatte das auch niemand je behauptet. Feig hat die Hauptrollen seiner neuesten Komödie lediglich mit Schauspielerinnen besetzt – wie zuvor schon in Brautalarm (Kristen Wiig, Maya Rudolph, Melissa McCarthy), Taffe Mädels (Melissa McCarthy, Sandra Bullock) und Spy: Susan Cooper Undercover (Melissa McCarthy, Rose Byrne).

Genau genommen verpflichtet sich Ghostbusters 3D damit dem Geist des Originals, in dem die damals populärsten Stars der Comedyshow Saturday Night Live (SNL) – Bill Murray und Dan Aykroyd – die titelgebenden Geisterjäger spielten. Nun bringen Melissa McCarthy, Kristen Wiig, Leslie Jones und Kate McKinnon, die aktuell zum Besten gehören, was das SNL-Personal zu bieten hat, ihre markanten Persönlichkeiten in den Film ein. In unzähligen Sketchen haben sie eine gemeinsame Chemie entwickelt – was Ghostbusters 3D einige sehenswerte erzählerische Freiheiten beschert. In den surrealsten Momenten scheinen McCarthy, Wiig, Jones und McKinnon einfach zu improvisieren: Der Rhythmus ihrer Dialoge ist abrupt und idiosynkratisch, die Gags nehmen unvorhergesehene Wendungen und münden manchmal in demonstrativer Pointenverweigerung. Dieses blinde Verständnis rettet Feigs Film ein ums andere Mal, wenn das Drehbuch mit den Figuren wenig anzufangen weiß.

Zu McCarthy und Wiig muss nicht mehr viel gesagt werden, ihre Methoden der body comedy sind längst Markenzeichen: McCarthy laut, offensiv und unter vollem Körpereinsatz, Wiig reserviert, steif und stets mit einem Anflug von körperlichem Unbehagen. Das ist allein schon deswegen irre komisch, weil die Regie McCarthy damit die offensichtlichen „Dicken“-Witze erspart und die besten Sprüche stattdessen auf Wiigs soziale Inkompetenz abzielen. Ihre Comedy-Routine ist die der kognitiven Dissonanz: Wiigs adrette Bibliothekarinnen-Outfits konterkarieren ihre unbedarften Anzüglichkeiten gegenüber der männlichen „Empfangsdame“ der Geisterjägerinnen, die locker den Tatbestand der sexuellen Belästigung erfüllen. Hemsworth – in einer erstaunlich selbstironischen Genderbender-Rolle als unterbelichteter Telefonist mit Hornbrille und Knackarsch (oder „Clark-Kent-Stripper“, wie ein Polizist süffisant bemerkt) – lächelt die Frivolitäten ahnungslos weg.

Jones als streetsmarte New Yorker U-Bahn-Angestellte und McKinnon, die ihren charakteristisch-manischen Blick um ein vielfältiges Repertoire von Verhaltensauffälligkeiten bereichert, komplettieren das Geisterjägerinnen-Quartett. Durch ihre unberechenbaren Komik-Manöver lenken die beiden die Buddy-Movie-Dynamik zwischen McCarthy und Wiig immer wieder in unvorhergesehene Bahnen. Vor allem McKinnon, erstmals in einer Hauptrolle, verwirrt mit ihrer physischen und sozialen Inkohärenz. Ihre Körpersprache ist gleichzeitig delirant und auf clowneske Weise anmutig und man könnte ihr stundenlang zuhören, wie sie mit kindlichem Staunen die Funktionen von Protonenkampfhandschuhen und Geisterschreddern erklärt.

Bei einem solch ausgeprägten Mangel an Bereitschaft, einfach nur Erwartungen zu erfüllen, kann man den Unmut der Fans sogar ein wenig nachvollziehen. Anders als JJ Abrams mit Star Wars gibt Feig nicht dem Druck nach, die ikonischen Referenzen des Originals nacheinander abzuhaken. Notfalls lässt er lieber ein Zitat ins Leere laufen. Die alte Feuerwehrwache zum Beispiel ist im gentrifizierten New York inzwischen viel zu teuer, sodass die vier Geisterjägerinnen ihr Hauptquartier über einem China-Imbiss beziehen müssen.

Natürlich muss der höhere Blödsinn auch die Fraktion der Nostalgiker bedienen, die bei einer Neuauflage auf hohe Wiedererkennungswerte warten. Aber gerade diese Zugeständnisse wirken wie lästige Pflichtübungen. Auch die Qualität der Cameos reicht von routiniert (Bill Murray) über inspiriert (die Rückkehr des grünen Slimer, diesmal mitsamt Geisterfamilie) bis hin zu überflüssig (Sigourney Weaver, Ozzy Osbourne). Ghostbusters 3D funktioniert dann am besten, wenn sich das Original außer Sichtweite befindet und McCarthy, Wiig, Jones und McKinnon einen intuitiven Zugang zum Retromaterial finden.

Im Übrigen wird dank der grenzdebilen Diskussion über die vier Hauptdarstellerinnen gern unterschlagen, dass Ghostbusters auch technisch auf der Höhe der Zeit ist. Die giftgrünen 3-D-Ektoplasma-Sturzbäche, die lichtdramaturgisch ausgeklügelten Interferenzen von transparent-luziden Geistererscheinungen und gleißenden Protonenstrahlen sowie die schillernden Lichtpilze über Manhattan gehören zum Ästhetischsten, was das Blockbusterkino in jüngster Zeit zu bieten hatte.

Das durchgeknallte Lichtdesign entspricht im Wesentlichen der entkernten Dramaturgie des Films; im entfesselten Spiel der Formen, Farben, Komödienkörper und Gesichtsausdrücke streift Ghostbusters das narrative Korsett aus Plot und Geschichte ab. Da können die Internettrolle noch so viel krakeelen: Diese Geisterjägerinnen müssen in ihren Kernkompetenzen keinen Vergleich scheuen.

Vielen Dank an A. Busche (Zeit) für die Erlaubnis zur Verwendung

Wer die unglaubliche Teil 3-Gerüchteküche von den ältesten Gedankenspielen 1989 bis hin in die jüngste Vergangenheit verfolgen will: Unsere Ghostbusters 3-Chronik!