Liebeserklärung an die 1980er Jahre

GHOSTBUSTERS LEGACY ist nicht nur die Fortsetzung der Geisterjäger-Saga. Regisseur Jason Reitman nutzte die Gelegenheit, um über den Tellerrand hinaus einen Liebsbrief an ein filmisches Zeitalter zu inszenieren.

Der Vorwurf, der legitime Ghostbusters 3 imitiere Stranger Things ist naheliegend, wenn man es sich allzu einfach macht. Schließlich trifft man in beiden Universen ES-Darsteller Finn Wolfhard an. Ein Mißverständnis ist es dennoch, denn das neue Geisterjäger-Kapitel imitiert nicht die gehypte Netflix-Serie. Vielmehr bedienen sich beide eines ganz bestimmten Zeitgefühls, dem Ghostbusters – im Gegensatz zu Stranger Things – aber legitim angehört.

Dieses Zeitgefühl lässt sich am besten in Form von Filmtiteln beschreiben: Die Goonies, Stand by me – Das Geheimnis eines Sommers, Gremlins, E.T. – Der Außerirdische oder eben Ghostbusters. Reitman Junor gehört – wie wir – einer Generation an, die mit all diesen Kultfilmen im Kindesalter aufgewachsen ist. Er ist einer von uns und er war sich, so scheint’s, offensichtlich nicht zu schade, neben dem Dienst nach Vorschrift, nämlich den Geisterjäger-Faden adäquat aufzunehmen und fortzuerzählen, auch noch ein allgemeines Heimkommen in unsere Kindheit zu erzählen. Das tut er in Form von Varianten der Erzählbausteine der 1980er, in Form von Zitaten und Sinnbildern. Schon der erste Trailer triefte vor diesen Geschenken, Verneigungen und Anerkennungen.

So begegnen uns zwar all die wichtigsten Bestandteile der Reihe wieder: Ecto-1, Geister, Geisterjäger und – noch nicht gesehen, aber sie sind ja da: Die echten Ghostbusters, Slimer, Janine, Dana Barrett. Doch das Sujet ist ein anderes, jedoch nicht minder bekanntes: New York City wird eingetauscht durch eine US-Kleinstadt, schätzungsweise der Schauplatz jedes zweiten Popcorn-Filmes der 1980er. Damit wird etwas Frisches geschaffen, ohne sich auf modernes Terrain zu begeben. Damit wird Nostalgie gewahrt, ohne auf Kreativität zu verzichten. Wie einst die Goonies oder die Kids aus Stand by me erleben vier Youngsters den Sommer ihres Lebens, als sich ihnen ungeahnte Geheimnisse offenbaren: Der Archetyp der Achtziger Jahre, getragen von unter anderem Wolfhard mit seinen 20 Millionen wahrscheinlich jugendlichen Instagram-Followern, die uns auf einem sentimentalen Trip zurück begleiten werden und für die es etwas gänzlig Neues sein wird. Wäre der Film ein Gebäude, würde man sowas Generationenhaus nennen.

Es gibt auch konkrete Zitate: Wenn eben Wolfhard die Scheune aufsucht, dann scheint das direkt aus E.T. – Der Außerirdische gefallen zu sein. Damals hat Elliot (Henry Thomas) dort ein Alien gefunden, diesmal wartet Ecto-1. In beiden Fällen ist es der Auftakt zum Abenteuer. Diese bewussten Bilder appelieren, selbst wenn wir sie nur unbewusst „wieder“sehen, an jene jungen Versionen von und in uns, die hinter Hecken und im Unterholz noch phantastische Welten vermutet haben. Diese Bilder versagen nur, wenn wirklich nichts mehr über ist von dem Kind, das wir waren. Wenn wir auf die endgültigste und scheußlichste Weise erwachsen geworden sind.

Ein anderes Beispiel sind die kürzlich veröffentlichen Mini-Pufts, bei denen sich der garstige Zynismus gezeigt hat, dem die Ärmsten unter uns anheim gefallen sind. Jene, die auf eine einfallslose Kopie von Baby Yoda bestanden (dabei wurde der Film Monate vor The Mandalorian abgedreht und ein, zwei Jahre davor geschrieben) übersehen den wahrhaftigsten Einfluss dieser selbstzerstörerischen kleinen Monster, nämlich die Gremlins, die sogar akustisch Pate standen: Hört euch mal den Filmausschnitt ohne Bild an, das sind eindeutig die Gremlins und so verhalten sie sich auch. Gerüchten zufolge zerlegen sie gar ein Protonenpack im Film. Wer trotzdem darauf beharrt, dass die süßen Pufts nur eiskaltes Kalkül darstellen, hat zwar nicht ganz unrecht: Sicher soll der Film, dieses Produkt, Produkte verkaufen. Als ehrliche Kritik taugt das Argument aber nur von jenen vorgetragen, die sich keine Marvel– oder Star Wars-Actionfiguren ins Regal stellen und Hand aufs Herz, wer will mit derlei Muggeln verkehren?

Ghostbusters Legacy, oder Deutsch: Vermächtnis, mag als offizielle Fortsetzung der beiden 80er-Kultstreifen angepriesen werden, doch tatsächlich ist es wahrscheinlich das Vermächtnis eines ganzen cinematographischen Lebensgefühls: Für zwei Stunden werden wir uns befreien von all dem Schmerz, der Pein, der Verantwortung des Erwachsenenseins, um das wir nie gebeten haben. Wir werden wie Peter Pan wieder Kind sein in einem Universum, in dem es zwar auch Gefahren und Hürden gibt. Aber es werden die Gefahren von einst sein, als die Fronten noch klar waren und wir Ghostpopper und Ghostzapper hatten. Hach.

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