Der missverstandene Torwächter

Bill Murray und Ghostbusters III: Regelmäßig kassiert der melancholische Clown den Zorn der Ahnungslosen – Zu Unrecht

„Der macht das jetzt nur des Geldes wegen!“ – So fängt’s schon an. Abgesehen davon, dass wahrscheinlich ein Großteil der Menschheit arbeiten geht, um Geld zu verdienen, wären wir jetzt nun doch mittlerweile bei Ghostbusters 7: Mission in Moskau angekommen, würde Bill, der Störrische, mit solch trivialem Wurm am Haken einzufangen sein.

Bill, der Unglückliche, konnte nie viel richtig machen im großen Epos der langen Entstehungsgeschichte von Ghostbusters III. Einmal war er sich zu fein dafür, weil er ja jetzt im Arthouse angekommen ist – was ein Widerspruch zu obigem monitär orientierten Vorwurf ist, aber hier ging es ja sowieso nie um Argumente, sondern schlicht um Emotionen. Her mit den Heugabeln!

Dann sollte es widerum die Auseinandersetzung mit Harold Ramis gewesen sein, die Bill, den Trotzigen, vom Threequel abhielt. Die beiden hatten sich 1993 am Set von Und täglich grüßt das Murmeltier zerstritten und niemals wieder miteinander geredet, bis kurz vor Ramis Tod. Vielleicht lässt sich der Vorwurf, Bill, der Stolze, hätte keine große Lust mit Leuten zu arbeiten, mit denen er stummen Beef pflegt, nicht ganz von der Hand weisen. Arbeitet ihr gerne mit Menschen, mit denen ihr nicht gerne arbeitet?

Auch als Bill, der Gönnerhafte, dann wirklich zu Ghostbusters zurückkehrte, war er wieder der Arsch: Sein Auftritt in Answer The Call (2016) wurde ihm vorgeworfen, weil er ja bis nach Ramis‘ Tod gewartet hätte, um sich nun für diesen „Schund“ herzugeben. Dass Murray selbst und mehrfach erklärte, er sei nur deshalb dabei gewesen, weil er privat mit den Komödiantinnen befreundet sei und sie unterstützen wolle und es ja sowieso nur ein Tag „herumsitzen“ gewesen sei, lassen ihm selbst die treuen Fans nicht durchgehen, denn was nicht darf, kann nicht: Sie führen dann das Märchen von Bill, dem Opfer, an. Der wurde nämlich von Sony in das Projekt hineinverklagt. Diese Geschichte hat einen wahren Kern, wie man in den E-Mail-Leaks von Sony nachlesen konnte und kann: Dort schlägt ein besonders kühner Mensch vor, man könne Murray doch verklagen, wenn er nicht endlich mitspiele. Allerdings fügt derselbe Jenige einsichtig hinterher: „Wenn das rauskäme, wären wir hinüber.“ Dass sich das gar nicht auf Paul Feigs Film bezog, sondern auf den zu diesem Zeitpunkt noch angedachten Ghostbusters III: Alive Again, spielt in der sich verselbstständigenden Legendenbildung des Internets keine Rolle. Wer macht sich schon die Mühe, nachzuforschen.

Überhaupt hat das Wutbürgertum im Fandom eine erstaunliche Begabung, alle nachvollziehbaren Statements Bills, des Anspruchsvollen, zu ignorieren. „Da schrieben ein paar Angeheuerte ein Drehbuch und es liegt irgendwo auf meinem Tisch. Ich habe ein paar Seiten gelesen, aber das hat nichts mit dem zu tun, was wir damals gemacht haben.“ Oder: „Alle paar Jahre kommt das Studio und will wieder weitermachen. Es ist eine Marke, die sich immer noch verkauft.“

Bill, der Desinteressierte, war ja bekanntermaßen schon mit Ghostbusters II unzufrieden und abhängig davon, ob man diesen Film als Kind geliebt hat oder ob man objektiv ist, könnte man ihm beistimmen (oder nicht). Was keiner leugnen kann ist wohl, dass der erste Film aus lauter glücklichen Zufällen heraus entstand, wohingegen Teil 2 wie eine Kopie wirkt. Und ehrlich, was in Paul Feigs Film seinen Höhepunkt nahm, hatte seine Wurzeln in Ghostbusters II: Nämlich der allmähliche Verfall realer, lebensechter Charaktere. Alles ist etwas artifizieller, bemüht komischer: Man stelle nur all die streitenden Passanten in der Auftaktszene von 2 dem „feuchten Handtuch“ aus Teil 1 gegenüber.

Nun wissen wir, dass Bill, der Spezielle, insbesondere die erste Dreiviertelstunde des ersten Films liebt: Hier geht es wenig um Effekte, mehr um die Freundschaft der Figuren und ihren Weg. An Ghostbusters II störte ihn auch, dass die Spezialeffekte überhand nahmen. Wie passen nun diese beiden Statements beispielsweise mit Dan Aykroyds 1999er Schwärmerei einer CGI-Hölle zusammen, in der die Geisterjäger gegen Minotaurusse kämpfen? Seid ihr wirklich sauer, weil sich Bill, der Aufrechte, nicht um jeden Preis für jeden Mist hergegeben hat?

Mit Jason Reitman kam nun der Sohn des Originalregisseurs selbstständig auf eine neue Idee für einen Film. Jason ist kein angeheuerter Drehbuchautor oder Regisseur. Er versteht die Mechanismen der Reihe und ihm ist persönlich daran gelegen, das Erbe seines Vaters nicht gegen die Wand zu fahren – und er ist ein wesentlich besserer Filmemacher als sein Vater. Mit Co-Autor Gil Kenan verbindet Bill, der Nostalgische, wunderbare Erinnerungen an den gemeinsamen Film City of Ember. Dass Bill, der Gescheite, eine ganz andere Aufmerksamkeit an den Tag legt wenn diese Beiden ihn anrufen, als wenn irgendwelche Sony-Geschäftsleute auf die Mailbox sprechen, versteht sich von selbst.

Und wenn Reitman Jr. es dann gar schafft, Murray körperliche Strapazen erleiden und sich Dreck ins Gesicht pusten zu lassen, dann waren die vorherigen Drehbücher vielleicht einfach Scheiße.

Ein Gedanke zu “Der missverstandene Torwächter

  1. Wie immer sehr schön zu lesen. Ich liebe eure Website und gucke täglich mal rein. Wirklich schade dass es so selten Kommentare gibt. Hier könnte man sicher gut mit Fans quasseln. LG Marco

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