Bill Murray: Der Welt witzigste Knolle wird 70

„Das wird dir niemand glauben“ rief Bill Murray einem Obsthändler zu, dem er angeblich mal einen Apfel stahl. So der Beginn einer ganzen Reihe seltsamer Begegnungen ungläubiger Normalbürger mit dem ungreifbaren Knollengesicht. Böse sein konnte ihm der Verkäufer nicht, denn Murray genießt seit Jahrzehnten Narrenfreiheit. Nun wird er 70 Jahre alt.

Murray, als viertes von neuen Kindern geboren, wollte eigentlich Arzt werden. Daraus wurde aber nichts, nachdem die Polizei ihn wegen Marihuanahandels verhaftet hatte. Was nun? Ganz klar, das Talent zum Beruf machen. Es verschlug ihn zur Kult-Comedy Saturday Night Life, wo er, laut und ungebremst, sofort auffiel. Die Karriere beim Film ließ nicht lange warten. Nach einem Auftritt als Hunter S. Thompson in Blast: Wo die Büffel röhren, den er auch nicht weniger skurill gab als Jahrzehnte später Johnny Depp, fand er in Weggefährten wie Ivan Reitman und Harold Ramis Leute, die sein Talent erkannten und die eigenen Karrieren aufbauten, indem sie ihm Plattformen boten: In Babyspeck und Fleischklösschen, in Ich glaub, mich knutscht ein Elch und schließlich in Ghostbusters, der einschlug, dass es Murray unheimlich wurde. Abgeschreckt vom eigenen Ruhm floh er für ein paar Jahre nach Frankreich, weil er sich dort frei bewegen konnte. So richtig Spaß hatte er mit den nächsten Filmen nicht: Mit Die Geister, die ich rief war er ebenso unzufrieden wie mit Ghostbusters II, den er nur drehte, um Zeit mit seinen alten Freunden zu verbringen. Auf die Filme hatte diese Unlust keinen Einfluss, sie gelten genauso als Klassiker wie Und täglich grüßt das Murmeltier, bei dem er sich mit Regisseur Harold Ramis verkrachte. Die beiden redeten bis kurz vor Ramis‘ Tod nie wieder miteinander.

Mitte, Ende der 1990er war Murray höchst unzufrieden geworden mit seiner Karriere. Angeboten wurden ihm nur noch Kalauerfilme wie Drei Engel für Charlie oder Agent Null Null Nix. Diese Auftritte waren zwar fröhlich, doch verlangte es Bill nach Höherem. Als er dann Wes Anderson traf, begann sein zweiter Frühling. In Die Royal Tennenbaums, Die Tiefseetaucher oder Rushmore konnte er zeigen, dass er mehr kann als nur den lärmenden Pausenclown. Er perfektionierte seine minimalistische Tragikomik, bei der nur Nuancen im Gesichtsausdruck ausreichen, um das Publikum zum Brüllen zu bringen – doch stets mit der Melancholie des Lebens mitschwingend. In Sofia Coppolas Lost in Translation spielte er sich sozusagen selbst, in Jim Jarmuschs Broken Flowers gefiel er sich zu Recht so, dass er darüber nachdachte, aufzuhören: „Ich kann sowieso nicht besser werden als in diesem Film“.

Privat ist Murray so fassbar wie die Wetterprognose für übernächste Woche. Die einen haben unfassbar heitere Geschichten zu erzählen, kaum vorstellbare Anekdoten. Andere wurden harsch zurückgewiesen und nennen ihn ein Arschloch. Wahrscheinlich stimmt beides, tagesformabhängig, und wahrscheinlich ist Bill dabei authentischer als ein Tom Cruise, der einen noch anlächelt, wenn er einen eigentlich verdreschen will. Wenn man mal etwas Empathie anwendet und nicht davon ausgeht, dass einem Schauspieler etwas schulden, dann ist Murray wohl vor allem eines: Menschlich. Zu dieser Unverfälschtheit zählt auch, dass er seit Jahren keinen Manager mehr beschäftigt. Es kursiert eine Telefonnummer die man anrufen und eine Nachricht hinterlassen muss, will man mit ihm arbeiten. Wenn man Glück hat und / oder es hundertmal versucht – wie Sofia Coppola beispielsweise – dann ruft er zurück und gibt einem das ok. Dann verschwindet er wieder im Nichts und taucht überraschend beim Dreh auf: Pünktlich, wenn keiner mehr mit ihm rechnet.

Ghostbusters-Fans hatten Murray jahrelang auf dem Kieker, weil er sich Ghostbusters III so lange verschloss. Dabei ließ er keine Gelegenheit aus um zu betonen, wie gut er den ersten Film fand und dass er nichts machen möchte, nur um etwas zu machen. Für die Drehbücher, die jahrelang von angeheuerten Auftragsschreibern geschrieben wurden, brachte er nie Interesse auf: „Ich las zehn oder zwölf Seiten, aber das kam nicht an das, was wir früher gemacht hatten, heran“. Auch bei Ghostbusters: Answer The Call war er nur dabei, weil es lediglich ein Drehtag war und weil er persönlich mit Melissa McCarthy und Kate McKinnon befreundet ist. Erst, als mit Jason Reitman jemand eine Idee vorlegte, die von Herzen statt vom Reißbrett kam, fühlte Murray sich berufen, seinen Peter Venkman noch einmal zu spielen. Ein gutes Zeichen.

Nun also 70 Jahre: Mittlerweile ist aus Bill Murray, dem Wilden, Bill Murray, der Weise geworden. Obwohl – das war er schon immer: Immer hat er nur das gemacht, worauf er Lust hatte und wenn er sich jemandem verpflichtet sah, dann nur Freunden. Wie Harold Ramis: Als Murray von seinem Bruder Brian-Doyle erfuhr, dass Ramis sterben wird, ließ er sich von der Polizei zu dessen Haus eskortieren, brachte Essen mit. Die beiden unterhielten sich ein paar Stunden, lachten und machten ihren Frieden. Hoffentlich bleibt uns Bill Murray noch lange erhalten und zwar völlig egal, ob für Ghostbusters oder für andere Auftritte in seinem großartigen Gesamtwerk.

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