Janine, die Geisterjägerin

(RGB Episode 48, Staffel 2 – „Janine Melnitz, Ghostbuster“, Autor: Michael Reaves)

Von Rain

FolgeImFokus16BGeisterinvasion in NewYork! An jeder Ecke der Stadt tobt das ectoplasmische Chaos. Selbst für einen Spuk in Janines Wohnung bleibt den Geisterjägern keine Zeit… Kurzerhand nimmt die taffe Sekretärin das Problem selbst in die Hand und bannt die hartnäckigen Plagegeister auf eigene Faust mit der Hilfe von Slimer. Als die Geisterjäger dann von Atlas, der zum Leben erwachten Bronzestatue am Rockefeller Plaza, unter Beschuss genommen werden und spurlos verschwinden, ist für Janine klar: Ihre Geisterjagd ist noch nicht vorbei! Sie und Slimer sind die einzigen, die die Jungs jetzt noch finden können. Janine forscht nach und kommt dem Oberboss hinter den Phänomenen auf die Spur: Prodius, der Geistergott. In seinem Unterschlupf, einem Hochhaus, kommt es zur Konfrontation Janine gegen den gestählt-protzigen Prodius.

Der große Ghostbusters-Reboot Spielfilm im Sommer wirft bereits seinen Schatten voraus. Der Trailer steht in den Startlöchern. Die Überraschung, dass es sich bei den Geisterjägern im neuen Film um eine komplett WEIBLICHE Besetzung handelt, ist für die meisten Fans (zumindest nach einiger Zeit der Eingewöhnung) kein Grund zur Sorge mehr. Warum auch? Längst ist doch klar: Starke Frauen waren stets ein Teil von Ghostbusters! Denn im Vergleich zu den männlichen Figuren im Film, die da eher als unfähig, fies oder als Nerds dargestellt werden (die GBs nicht ausgenommen), haben doch vor allem die weiblichen Charaktere im Film „die Hosen an“. Da ist die starke Dana oder auch Obermotz Gozer, der sich den Körper einer Frau für die totale Vernichtung der Menschheit aussucht… Allen voran aber natürlich auch die Powerfrau schlechthin: Misses Janine Melnitz – Filialhüterin, Chefsekretärin, Geisterjägerin!

Starke Janine-Folgen, in denen die Sekretärin der Geisterjäger in den Mittelpunkt rückt und mehr von sich erzählen darf, gibt es immer wieder in RGB. „Janine, die Geisterjägerin“ ist so gesehen keine Ausnahme-Folge – sicherlich ist sie aber eine der stärksten wenn es um Janines Fähigkeiten zur Geisterjagd geht. Hier darf sie nachforschen, kombinieren, mutig sein, geisterfangen – die Grundvoraussetzungen also für einen erfolgreichen Geisterjäger! Neben all dem Mut und der Initiative zeigt die Folge aber auch immer wieder Janine von einer anderen Seite; verunsichert und zweifelnd. Etwa dann wenn sie machtlos gegen ihren Wohnungsspuk ist oder sie gar nicht weiß wie man das PKE-Gerät abliest und langsam die Hoffnung auf das Auffinden der Jungs verliert. Dieser Mut auch zur Schwäche ist da aber kein weibliches Defizit – im Gegenteil, er macht Janine als Figur einfach noch sympathischer, menschlicher, stärker. Denn es sind Dinge, die jeder nachvollziehen kann. Vor allem aber zeigen sie eine ganz andere Seite der oft energetischen und schrillen Rothaarigen hinter dem Schreibtisch.
Darüber hinaus offenbart uns die Folge erstmals einen Blick in Janines eigene vier Wände, ihre Wohnung in Brooklyn, in der Poltergeister ihr Unwesen treiben. Zugegeben, etwas mehr persönlichen Stil in Sachen Einrichtungsgeschmack hätten wir ihr zugetraut… Ihre Wohnung mutet etwas roh an. Auf der anderen Seite, wer hat Zeit für die Inneneinrichtung wenn man Chefsekretärin der weltweit einzigen Anlaufstelle für paranormale Probleme ist – oder wenn Poltergeister ohnehin einfach alles Mobiliar zerschlagen oder als Knebelwerkzeug benutzen?
In Peters braunem Ersatzoverall macht Janine dabei eine klasse Figur! Auch wenn er ihr natürlich etwas zu groß ist. Er steht ihr gut, im Gegensatz zum pinken Dress, den sie in den späteren Folgen oder als Actionfigur tragen darf. Gleichberechtigung eben auch bei der Klamottenwahl.

FolgeImFokus16CAuf der Suche nach Informationen über den Verbleib der Jungs, schickt Janine Slimer in den Verbannungscontainer um zu spionieren. Dort sehen wir sämtliche Geister, die in der Folge bereits eingefangen wurden. So ein Ausflug in den Container ist selten, aber immer wieder faszinierend… Slimer schlägt sich dabei tapfer und kommt tatsächlich an die gesuchte Info um Obermotz Prodius. Ja, dies ist nicht nur Janines Folge, sondern auch Slimer darf mehrfach all seinen Mut beweisen. Ein perfektes detektivisches Duo.
Wo wir allerdings nun Prodius Namen erfahren haben… Kuriositäten gibt es diesmal in der Namensübersetzung der deutschen Synchro! Denn Prodius heißt im englischen Original eigentlich Proteus. Unter Proteus finden wir bei Wikipedia einen Meeresgott aus der griechischen Mythologie. Die Richtung stimmt. Unter Prodius finden wir hingegen nichts relevantes. Warum diese Änderung geschah? Keine Ahnung. Aber auch an anderer Stelle gibt uns die ansonsten liebevolle Synchro Rätsel auf. Mehrere Male ist in der Folge auch von Film-Boss Gozer die Rede. Egon vergleicht seine Machtstellung unter den Geistern mit der von Prodius… Nun ist es ein bekanntes Phänomen, dass unsere deutsche Fassung aus „Gozer“ beharrlich und immer wieder „Gonan“ macht. So auch hier. Vielleicht wollte man mit dieser konsequenten Änderung eine direkte Anspielungen auf die Handlung der Filme umgehen, da diese in Deutschland erst ab 12 Jahren freigegeben sind, die RGBs sich aber auch an ein jüngeres Publikum richten? Man weiß es nicht… Beide Gespenstergötter haben neben ihrer Macht über NewYork in der deutschen Synchro also zusätzlich etwas gemeinsam.

In Prodius Festung, einem hohen Bürogebäude mitten in der Stadt, kommt es dann zur finalen Rettungsaktion der Jungs. Vorher stößt Janine allerdings noch auf ein Zerrbild ihrer selbst in Form von Prodius Sekretärin, einer Spuklady mit extravaganter Brille, die Janine ohne Terminabsprache keine Chancen auf ein Treffen mit ihrem Chef aushandelt. Janine gibt ihr darauf die passende Antwort; einen Schuss mit dem Protonenstrahler. Es folgt endlich das große Wiedersehen mit den Jungs, die noch hinter einer Spiegelwand gefangen sind. Die Jungs sind erleichtert. Doch Prodius, der sich nun endlich als blonde Anspielung auf einen griechischen Adonis entpuppt, als Karikatur auf männliche Potenz, greift ein. Janine ist kurzzeitig überrascht vom Aussehen des Fieslings („Für einen Dämon siehst du gar nicht schlecht aus!“ – Diese Frau braucht endlich einen Partner!) – doch, abermals mit der Hilfe von Slimer und ihres Protonenstrahlers, macht sie Prodius samt seiner Bude zu Brei. Spiegel zerbersten. Die Geisterjäger sind endlich frei und schließen Janine in ihre Arme.
Wie hier bereits zu Beginn angedeutet, der Humor in GB-Film und -Serie nimmt seine Pointen natürlich immer auch aus den absurden Beziehungen zwischen Mann und Frau, bzw. auch aus seiner Umkehr von Geschlechterrollen: Peter blitzt meist bei den Frauen ab, Dana steht sowieso über den Dingen, Janine versucht verzweifelt ihren Egon zu knacken, der wiederum fast asexuell wirkt, etc… Dem ganzen Gendertrubel verpasst „Janine, die Geisterjägerin“ eine Spitze im wahrsten Sinne des Wortes. Janine emanzipiert sich und befreit sich von Frauenklischees: Sie verbannt die Geister, die sie unterdrücken, eigenständig mit Mut und Strahler (Poltergeister im Apartment). Sie löst die Fesseln der Frauen (befreit sich aus dem Teppich, in die sie die Poltergeister einrollen). Ihrem alten Selbst (die Geister-Sekretärin) gibt sie im Wolkenkratzer die Quittung. Sie befreit die hilflosen Jungs aus dem Spiegel (tatsächlich eine gespiegelte Situation, denn „Jungfrauen in Nöten“ sind diesmal die Geisterjäger). Zur finalen Gleichberechtigung bustet sie dann Protz Prodius mit der geballten Protonen-Potenz, kastriert ihn und seine Behausung (ja, da sind wirklich Abbildungen an den Wänden, die an männliche Geschlechtsteile erinnern!), und macht damit ein für allemal klar: Frauen können klotzen! Wenn sie wollen!

…und dies alles im eingefahrenen Kinderfernsehen der 80er, in dem die Figuren, vor allem Frauenrollen, bis dahin selten über stereotype Standardcharaktere hinaus wachsen konnten. Mit den späteren Staffeln wird die RGB-Rezeptur ja verändert und ironischerweise von genau diesen formelhaften Figuren eingeholt: Janine wird dann ungleich braver, devoter und muttihafter… Sie geht dann zwar noch hin und wieder mit den Jungs auf Geisterjagd, aber eher aus Gründen aufgedrückter politischer Korrektheit und weniger aus eigener Persönlichkeit oder Stärke, wie sie es eben in Staffel 1 und 2 tat. Aber das ist eine andere Geschichte…

Die optische Umsetzung der Folge ist perfekt! Es zeichnet Team „Kantige Overalls“, das wir zB. bereits aus den Folgen „Tante Lois…“ oder „Schloss in Schottland“ kennen. Die Figuren sehen hier etwas realistischer, eben kantiger aus. Vor allem begeistert der Zeichenstil wenn er seine Produktion im Osten nicht verleugnet und starke Manga-Elemente einfließen lässt: Schön und dynamisch sind da die Szenen um Slimer und die Geister im Container gelungen. – Imposant ist die Szene mit dem Koloss Atlas gelöst. – Und vor allem sind aber auch die bereits erwähnten Szenen um die private Janine in ihren eigenen vier Wänden erinnerungswürdig. Die Zeichner haben offensichtlich eine Freude daran, Janines Szene unter der Dusche besonders aufwändig zu zeichnen. Vor allem sieht Janine hier ungeschminkt und ohne Brille tatsächlich wie eine andere Figur aus einem Anime aus. Und besonders hübsch!
Wie bereits gesagt, lässt nur das Designkonzept für Janines Wohnung etwas zu wünschen übrig und bleibt roh… Hier wäre es toll gewesen wenn die Behausung optisch etwas mehr dem extravaganten Charakter von Janine entsprochen hätte. Aber nicht so schlimm… In „Der Geraniengeist“ soll die Wohnung ohnehin wieder in ihre Einzelteile zerlegt werden.

FolgeImFokus16ABei aller Frauenpower, Genderanspielungen, Action mit den Jungs oder Hatz im Verbannungscontainer, schwächelt die Story dann leider im letzten Akt, bei der finalen Konfrontation mit Prodius. Denn das Finale fällt nicht nur besonders kurz aus, Prodius entpuppt sich vor allem als äußerst langweiliger und selbstherrlicher Gespensterboss. Solche Obermotze hat es in Staffel 2 eigentlich nicht mehr gebraucht. Er erinnert an die Bosse aus der ersten Staffel – die allerdings ungleich interessanter waren und vor allem auch eine gute Motivation hatten (BöserMann, SamHain, Sandmann, etc.). So hintergrundlos wie Prodius erschien, ist er dann aber auch schon wieder verschwunden… Das heißt…

Das heißt gäbe es da nicht das jüngst erschienene Comic-Spezial innerhalb der „Ghostbusters“-Reihe aus dem IDW-Verlag in englischer Sprache – das als direktes Zusatzabenteuer zur RGB-Folge zu verstehen ist und erzählt, was mit den Geisterjägern in der Zeit ihres Verschwindens geschieht. Unter dem Titel „Get Real“ treffen darin die „RGB-Geisterjäger“ auf die „Comic-Geisterjäger“ im NewYork der Comics – quasi ein medien- und dimensionsübergreifendes Ereignis. In diesem darf Prodius dann auch etwas länger herumturnen, gewinnt aber auch hier leider nicht unbedingt mehr Persönlichkeit… Der Comic ist voller liebevoller Anspielungen auf beide Universen (und noch weitere mehr). Die perfekten Zeichnungen überragen zwar die Story – aber der Spaß und der Schlagabtausch, wenn die Comic-Geisterjäger (bzw. Film-Geisterjäger) auf ihre RGB-Gegenstücke treffen, stehen hier eindeutig im Vordergrund und sind zum Brüllen. Das Abenteuer webt sich geschickt in die TV-Folge hinein und füllt die Lücke vom Verschwinden der Jungs bis zu ihrer Befreiung aus der Spiegelwand. Neue Erkenntnisse für die RGB-Folge oder Janine gewinnt man dabei nicht unbedingt, jedoch hat man beim erneuten Schauen der Folge das Gefühl, man hat das Abenteuer im ganzen als eine Art Extended-Cut erlebt. Dass RGB, mit der Einzelfolge „Janine, die Geisterjägerin“ von vor fast 30 Jahren als Grundlage, in der aktuellen Pop-Comic-Kultur erfolgreich wiederaufleben kann, ist darüber hinaus natürlich eine ganz tolle Sache für alle RGB-Fans der ersten Stunde. Mehr davon!

PKE-Punktewertung: 8/10

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3 Gedanken zu “Janine, die Geisterjägerin

  1. Eine Frage zur Synchro bei Real Ghostbusters. Mir ist aufgefallen das in der Serie Gozer seltsamerweise immer als Goner bezeichnet wird. 😳 Aber die Serie gehört doch zum Franchise. Alle Namen sind enthalten. Wisst ihr da Bescheid was da schief gelaufen ist?

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    • Da Gozer immer wieder konsequent umbenannt wurde, und einmal sogar Vigo im Deutschen verschwand (aus Vigo wurde „einer dieser Schleimgeister“ in der Folge „Ein falscher Geist auf Geisterjagd“, sind wir immer davon ausgegangen, dass die deutsche Synchronisation sich von den Filmen bewusst distanzieren wollte. Warum, weiß keiner. Schade, vor allem, da die deutsche Fassung der US-Version sonst oft haushoch überlegen ist…

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      • Sehr skurril. 😳 Was auch krass ist, der Unterschied zwischen Video Synchro und der 2. fürs Fernsehen. Ich hatte mit dem Videokassetten angefangen und bin die Bananen Sprüche von Peter gewöhnt und das Winston den Sprecher von Hasselhoff hatte 😊 Ich schaue seit ein paar Wochen die ganze Serie auf Amazon Prime wieder durch, die ist in der 2. Synchro und bin jedesmal verwirrt über die Unterschiede. wie in der Folge Knock Knock. Als die Ghostbusters in dem besessenen Zug sind und die Geister sich nähern, sie beginnen zu Feuern und der Zug unter Beschuss durch die U-Bahn Tunnel braust. Auf Video hörte man da noch einen Popsong, The Boogey Man, bei der 2. Synchro einfach nur das Titelthema wieder😄

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