Tummel und das Jenseits

(RGB Episode 37, Staffel 2 – „You Can’t Take It With You“, Autor: R. Mueller & D. King)

Von Rain

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Mitten in der Nacht werden die Geisterjäger aus dem Bett geworfen: Der Verbannungscontainer meldet kritische Werte ectoplasmischer Energie. Doch im Haus scheint alles in Ordnung zu sein. Die Jungs machen sich umgehend auf um die Ursache des gefährlichen Geister-Anstiegs zu ergründen und stoßen auf das Anwesen des Multimillionärs Tummel. Der geizige Greis ist dem Sterben nahe. Mit Hilfe eines Wissenschaftlers und einer großen Maschine möchte er sein Vermögen mit ins Jenseits nehmen. Doch dieser Transport geschieht nicht ohne Nebeneffekt: Tausende neugierige Geistergestalten strömen aus dem geöffneten Portal in unsere Welt. Die Jungs müssen den Wahnsinn stoppen, doch die erste Aufgabe besteht zunächst darin, Tummels gesichertes Hochhaus zu erklimmen. In der obersten Etage treffen die Jungs auf den irren Mogul und seine Höllenmaschine.

„Tummel und das Jenseits“ ist keine der Episoden, die allgemein besonders populär sind, oder oft in den Favoriten-Listen der Fans auftauchen. Es gibt weder bekannte Kultgeister wie Sam-Hain oder den Boogeyman, noch wirkte die Folge im Kindesalter durch ihren reduzierteren Humor besonders attraktiv… Dennoch hat die Folge eine ganz besondere Stellung inne: Sie ist meine persönliche Lieblingsfolge der kompletten Serie!
Dabei fing meine Beziehung zur Episode erst mit ganz großen Problemen an; ich hatte sie sowohl in der Erstausstrahlung Ende der 80er, als auch in ihrer zweiten Ausstrahlung auf Pro7 einfach verpasst! Das passierte mir nicht ein einziges Mal bei anderen Folgen, doch hier geschah es gleich zweimal… So kannte ich die Episode eine lange Zeit nur durch die Hörspielfassung der Karussell-Kassetten und über das Panini-Sammelalbum zur Serie, das die Folge in Bildern nacherzählt. Ein vorläufiger Trost… Erst bei ihrer dritten Ausstrahlung im TV gelang mir die Aufzeichnung. Bis dahin dachte ich, ich hätte alles gesehen, was die Serie großartig macht – doch wurde ich hier noch mal ganz auf’s neue be-geistert. Das lange Warten hatte sich also gelohnt… Was macht die Folge so toll?

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Fangen wir beim Bösewicht an, der Hauptzutat für ein gelungenes Abenteuer: Tummel – der garstige Greis und millionenschwere Mogul. Wie auf einem Thron sitzend, herrscht er in seinem Rollstuhl über sein Imperium: Sein Vermögen, seine Bediensteten, seinen Wolkenkratzer und seine HighTech-Gerätschaften, die selbst Egon im späteren Verlauf die Sprache verschlagen. Durch sein Geld steht ihm die Welt (und Nach-Welt!) offen. Wer braucht da noch so etwas wie innere Werte wenn er alle Äußeren besitzt. So fällt sein Kommentar zu möglicherweise schädlichen Nebeneffekten seiner Anlage für die Umwelt kühl und abgeklärt aus: „Die Umwelt ist mir völlig egal, junger Mann.“ Ein skrupelloser, charismatischer, reicher und einflussreicher Mensch der Elite – kann es überhaupt einen größeren Bösewicht geben? Ganz im Geiste des GB-Films und nach Story-Editors Straczynskis cleverer Formel für die RGBs, sind es nicht die Geister an sich, um die es hier geht. Es sind Menschen (Tummel und seine Helfer), deren Gier, Unwissen, Bösartigkeit oder Ignoranz erst als Katalysator für die geisterhaften Ereignisse dienen. Du erntest was du säst. So entsteht eine soziale, greifbare Aussage, die dir auch nach dem TV-Abenteuer im Kopf bleibt. Die Geschichten in RGBs großer, zweiter Staffel haben Inhalte und können dich ein Leben lang begleiten.
Doch nicht nur Tummel wirkt wie eine direktere Darstellung eines nur angedeuteten, mächtigen Shandors aus dem GB-Film. Die ganze Folge greift den ersten Spielfilm der Geisterjäger natürlich schon dadurch auf, dass wieder einmal auf einem NewYorker Wolkenkratzer ein Portal zu einer anderen Welt geöffnet wird, aus dem die Geisterbedrohung grüßt. Das ist jedoch nur das Grundgerüst – nie wirkt die Folge wie ein Plagiat des Films. Als Trickserie muss hier außerdem nicht an Effekten gespart werden und so darf es diesmal von Geistern nur so wimmeln. Die Jungs haben es mal wieder mächtig schwer, das Hochhaus/Spukhaus zu erklimmen. Wegen ihrer schlechten Erfahrung im Treppenhaus von Danas Appartement-Gebäude nehmen sie diesmal gleich den Hubschrauber.
Die besagte Geisterhorde aus dem Portal bleibt dabei identitätslos. Vereinzelt erinnern sie an ägyptische Figuren, was einen Bogen zur eigentlichen Maschine schlägt, die die Pforte ins Jenseits öffnet. Diese sieht aus wie eine antike, aber aufgemotzte und mit HighTech versehene, ägyptische Pyramide. Bereits in Tummels unteren Wohnräumen stolpern wir (bzw. die Jungs) über vergoldete Kunstgegenstände aus Ägypten. Tummels Faszination und Vorlage ist somit eindeutig. Die ägyptische Kultur ist eine direkte Weiterentwicklung der sumerischen (Hallo Gozer – der kommt natürlich auch aus einer Pyramide stolziert). Die Pyramiden gelten als Stätten riesiger Wissensansammlungen. So zB. über Astronomie (kaum sichtbare Himmelsformationen werden exakt gespiegelt), heilige Geometrie (vielfältige Berechnungen, wie auch das Wissen um die Zahl Pi) und komplexem Zahlensymbolismus (Längen-Verhältnisse und Anzahl von Stufen, etc). Dabei beschränken sich Orte mit antiken Pyramiden nicht allein auf den ägyptischen Raum – quasi auf der ganzen Welt finden sich Relikte dieser untergegangenen Kulturen, die überraschenderweise wiederum alle durch genaue Längen-Verhältnisse in Verbindung zu sich selbst und zum Erdball stehen. Genau wie Tummel es mit sich und seinen drei Angestellten im Sinn hat, so wurden in den ägyptischen Pyramiden Tote auf die Reise in die Nachwelt vorbereitet. Ihre exakt abgemessenen inneren Kammern stellen dabei die antiken Pforten oder eben Portale zu höheren Orten oder Dimensionen der Götter dar. Eine faszinierende und komplexe Welt, die RGB hier anklingen lässt.

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Doch wie ergeht es überhaupt den Jungs in der Folge? Die werden zunächst unsanft aus dem Bett geworfen, was Peter natürlich so gar nicht passt. Ihm bleibt jedoch nichts anderes übrig, als müde seinen Freunden zu folgen, die sich auch schon in das Abenteuer stürzen, selbstlos, pflichtbewusst und natürlich mit Zusammenhalt (was hier einen direkten Kontrast zu Tummel setzt). Verschlafen und im Grunde ratlos worum es hier überhaupt geht, werden die Geisterjäger so vom ersten Moment an durch die Geschichte geschubst. Auf der Suche nach der Geister-Öffnung wird einfach improvisiert und in einer selbstverständlichen Coolness den Dingen entgegen gesehen (Fassaden-Abstieg!) – wobei jeder der Jungs dabei mindestens einen kleinen Heldenmoment für sich bekommt: Ray fliegt den Helikopter, Egon wagt sich alleine an die Jenseits-Maschine, Winston rettet ihn vor Trümmern und Peter… naja, der macht ne Tür mit einer Haarnadel auf… Im Hochhaus finden die Freunde dann die drei eingesperrten Angestellten Tummels (Koch, Butler und Handwerker), die er in der Nachwelt natürlich nicht missen möchte. Bis hierhin war das Abenteuer für die Jungs eine Millionär-Rettungsaktion. Nach der Befreiung der Dreien ist sich niemand mehr so sicher, ob Tummel in seinem Wahn noch zu retten ist oder ob man dies überhaupt versuchen sollte…
Dann erreichen die Freunde endlich die obere Etage des Wolkenkratzers und werden von Tummel direkt mit Laserstrahler begrüßt. Der Mann ist nicht erreichbar – weder körperlich noch durch gute Worte. Ein Plan muss her, während weiterhin die Maschine rattert und immer mehr Geister hinabsteigen. Die Höllenmaschine muss überlastet werden. Peter konfrontiert Tummel: Der Tierschutzverein könne dieses Hochhaus übernehmen wenn er fort ist. Tierschutzverein! Das bringt den Geizkragen in Rage. Er will jetzt das ganze Gebäude mitnehmen! Die Anlage gerät außer Kontrolle – und so Tummels Rollstuhl. Der Greis rast direkt in das Portal der Pyramide hinein, während das komplette Haus langsam beginnt sich aufzulösen. Den Jungs (mit Angestellten) gelingt in letzter Sekunde die Flucht per Hubschrauber.
Puh. Diese Folge ist intensiv und es wird Klartext gesprochen… Laserstrahlen feuern auf Menschen, ein alter Mann übertritt die Pforte ins Jenseits und sogar Peter holt mit der Hand aus um den kühlen Kopf Egons zu schlagen (Winston kann ihn aber noch bremsen). Solche Dinge. Dazu läuft die Episode annähernd in Echt-Zeit ab; es gibt keine großen Zeit- oder Szenen-Sprünge wie in den anderen Episoden und wir begleiten die Jungs quasi durch eine Nacht, von ihrem intimen Schlummern im Schlafraum bis zum großen unwirklichen Finale in NYs Häuserschluchten, das eigentlich immer noch wie ein Traum wirkt. Der ganze Ton ist erwachsener als in anderen Episoden. Dies merkt man auch an vielen weiteren Details: Am Ende tauchen durch den Tumult bei Tummel Polizei-Wagen auf, was logisch ist, es aber ansonsten kaum in der Serie gibt. – Der Wolkenkratzer wird mit einem richtigen Hubschrauber angesteuert, anstatt mit dem, hauptsächlich für den Spielzeug-Verkauf interessanten, Ecto 2 Fluggerät. – Die einzelnen Geister geraten nie in den Fokus, weil sie es nicht müssen. – Und es gibt auch keinen Slimer für ein heiteres Slapstick-Intro oder als Humor-Puffer während der Ereignisse. Der feine RGB-Humor kommt natürlich dennoch nicht zu kurz, alleine schon durch Peter oder die generelle Selbstverständlichkeit, mit der die Jungs durch die Gefahr tänzeln.
Am Ende gelangt Tummel, sein Geld und sein Haus tatsächlich ins Jenseits. Seine letzte Einstellung ist die, wie er lachend und triumphierend gen Himmel steigt, umkreist von den Geistern, die er rief. Die Jungs blicken nur stumm und ohne Reaktion hinauf. Selbiges tun wir, denn dass eine Person tatsächlich stirbt, das hat man im Kindertrick-TV bisher nicht gesehen. Hat die Folge so betrachtet überhaupt ein Happy-End? Naja, die Geisterjäger haben wieder einmal die Welt gerettet, sowie drei Menschenleben im speziellen. Und auch Tummel hat das, was er wollte: Er sitzt im Jenseits zusammen mit seinem Haus und seinem Vermögen. Doch da fällt sein Geld auch schon vom Himmel herab, zurück auf die Jungs. Molekulare ausgleichende Instabilität! Ein symbolischer Lohn für ihre Selbstlosigkeit. Denn obwohl Peter natürlich in Versuchung gerät, behalten werden sie das Geld am Ende natürlich nicht. Wie der Originaltitel der Folge schon sagt: You can’t take it with you. Oder nach dem alternativen Titel der Geschichte im Panini-Album: Das letzte Hemd hat keine Taschen. Oder einfach schlicht wie es Peter sagt: „Wie gewonnen, so zeronnen.“

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Formal braucht sich die Folge nicht hinter ihrem Inhalt zu verstecken. Ganz im Gegenteil, denn die handwerklichen Aspekte machen „Tummel und das Jenseits“ zum absoluten Muster-Beispiel für tollen TV-Trick. Zunächst haben wir hier die sehr guten Zeichnungen des Studios KKC&D, deren aufwendigen (Action-)Animationen, oder auch die ausdrucksstarken Gesichter der Figuren, das Geschehen perfekt begleiten. Peters Müdigkeit steht ihm zB. ins Gesicht geschrieben. Besonders sind da auch die stimmigen Farbwelten zu loben, die den Nachthimmel mal in ein bedrohliches Lila tauchen oder Tummels Labor-Etage in unwirkliche Orange-Töne kleiden. So bekommt die Folge im speziellen ihren ganz eigenen Look. Das Storyboard von „Tummel“, also die eigentliche Umsetzung und der Ablauf des Skripts auf dem Bildschirm, ist originell aufgelöst und hat ein perfektes organisches Tempo. Man schaue sich da die wirksame Einleitung der Folge an, die ganz ohne Menschen oder Geister auskommt, und lediglich durch die Nachtkulisse des Tummel-Gebäudes schweift, begleitet von unheilvollen Blitzen und den bedrohlich-schweigenden Stein-Götzen der Aussenfassade. Die Musik! Die ist in RGB sowieso toll, dass wissen wir natürlich längst. Wenn es dann aber beim Angriff auf die Jungs durch die handfesten Laserwaffen Tummels das fetzige Synthie/E-Gitarren-Stück zu hören gibt (das leider viel zu selten in der Serie auftaucht), während Tummel unbeeindruckt mit seinem Gold-Transport weiter macht, rockt das Tummels Bude und katapultiert die Action in die nächste Dimension. So entfaltet sich die Geschichte eben schon von Beginn an atmosphärisch und wird immer größer bis zu ihrem atemberaubenden Finale, in dem wir uns mindestens so verkrampft in die Sessellehnen krallen, wie die Geisterjäger an die Stangen des Hubschraubers, bei ihrer epochalen Flucht aus den Fängen des Dimensions-Soges. „Tummel“ wirkt wie ein sehr gut inszenierter und produzierter Mini-Kinofilm.

Portale! Portale überall! Heute sind Portale zu fremden Dimensionen oder anderen Zeitebenen in der Unterhaltungswelt gar nicht mehr fort zu denken. Spätestens in aktuellen Blockbustern wimmelt es nur noch von eben diesen und natürlich von groß-angelegten Alien- oder Monster-Invasionen, wie zB. in nahezu jedem Marvel-Film. Kein Entrinnen vor der offensichtlichen Portal-Propaganda Hollywoods. Schauen wir in die reale Welt: Da tüfteln die hochrangigen Physiker im Schweizer Forschungszentrum CERN längst an Wegen um die Dimensions-Ebenen aufzuschlüsseln. Ihre riesige, unterirdische Teilchenbeschleuniger-Testanlage schleudert kleinste Partikel mit Lichtgeschwindigkeit aufeinander und lässt so dunkle Materie entstehen. Es entstehen kleinste schwarze Löcher und es können Öffnungen in andere Welten entdeckt werden. Das Higgs-Teilchen, das Gottesteilchen, ist bereits festgemacht. Was kommt als nächstes? Die hochrangigen Wissenschaftler geben zumindest offenkundig an, dass durch diese Öffnungen der Dimensionen sowohl Dinge hinein geschickt werden können, als natürlich auch Dinge heraus treten könnten. Ein unheimlicher Gedankengang… Wer mehr wissen möchte, sucht auf YT nach Cern und Portal.

Es bleibt kurz gruselig… Bei aller Begeisterung für „Tummel und das Jenseits“ – eine Sache gibt es da, die den großen Spaß tatsächlich etwas ausbremst, jedoch der Episode nur indirekt anzurechnen ist. Bei der Produktion der Folge, bzw. ihrer Aufarbeitung für die Sendeanstalten hat sich leider ein unschöner Fehler, bzw. Filter eingeschlichen: Bewegungen in den Animationen haben leider einen deutlichen Nachzieh-Effekt. Helle Elemente der vorangegangenen Animation bleiben immer noch etwas sichtbar, was dann in Bewegung ziemlich schlierig aussieht. Sämtliche TV-Ausstrahlungen und selbst die amerikanische DVD-Box sind davon betroffen. (Gleiches Phänomen gilt übrigens leider auch für die Kult-Folge „Was ist Ragnarock?“.) Als hätte die Serie hier und dort nicht schon genug unter Nachschärfe-Filtern und weißen Doppelkonturen zu leiden, zieht diese Tatsache das TV-Erlebnis stark herunter (erst recht bei aktuellen HD-Standards der Endgeräte). Sehr schade! Da zB. die Panini-Sammelbilder diesen Fehler nicht aufweisen, vermute ich, dass es da andere Bild-Quellen gibt, bzw. gegeben hat. Vielleicht geht ein Traum in Erfüllung und wir sehen die Serie irgendwann einmal als restauriertes HD-Master auf BluRay-Disk wieder, basierend auf Celluloid Filmmaterial. Wahrscheinlich allerdings nicht mehr in dieser Dimension…

PKE-Punktewertung: 10/10 – Signalausschlag: Top-Folge!

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