Kosmische Schrecken: Lovecraft in „Ghostbusters“

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H.P. Lovecraft ist heute einer der bedeutendsten Schriftsteller fantastischer Literatur. Zeitweise geschehen kulturelle Meteroiteneinschläge, die alles beeinflussen, was nach ihnen kommt. Man muss sie nicht bewusst wahrnehmen, sie sind dann alllüberall. Nehmen wir Tolkien mit seinem Mittelerde-Zyklus, der überhaupt erst die ganzen Fantasy-Archetypen entwarf: Elben, Zwerge, Zauberer, wie wir sie heute aus jeder zweiten Fantasy-Erzählung kennen.

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It’s Lovecraft!

Was Tolkien für die Fantasy, ist Lovecraft (zusammen mit einigen anderen großen Namen, wie z.B. Edgar Allan Poe) für das Horror-Genre. Selbst, wenn Ihr niemals eine Geschichte von ihm gelesen habt – oder noch ausschweifender: Wenn Ihr nie Horror an sich gelesen habt… Lovecraft ist überall. Die Alien-Filme, Cloverfield, Tanz der Teufel: Alles, was heute im Genre Rang und Namen hat, ist irgendwie von Lovecraft beeinflusst und funktioniert neben den individuellen, eigenen Stärken auch durch das Bemühen dieser Elemente.

Doch wer war Howard Phillips Lovecraft eigentlich? Seine eigene Lebensgeschichte klingt selbst nach klassischem Gothic-Roman: Geboren 1880 in Rhode Island, wurde der kleine H.P. mit dem Tod seines Vaters schon frühkindlichen Schrecken ausgesetzt. Zu seiner Mutter hatte er ein unnatürlich nahes Verhältnis (sie übermutterte und lehnte ihn gleichzeitig als hässlich ab), bis auch sie – wie der Vater zuvor – relativ früh in einer Nervenheilanstalt verstarb.
Lovecraft, der Zeit seines Lebens an schlechter Gesundheit und Depressionen litt, war nicht unbedingt ein unsozialer Charakter (er hielt regen Kontakt mit einigen schriftstellerischen Größen, darunter „Conan“-Erfinder Robert E. Howard und pikanterweise zum späteren „Psycho“-Autor Robert Bloch), doch fühlte er sich unter Menschen nicht wohl und verbrachte seine Zeit lieber nachdenklich für sich. Die westliche Zivilisation hielt er für dekadent, er war ein Freund der Thesen des umstrittenen Historikers Oswald Spengler (ja, dem Namensgeber für Egon Spengler: Lauscht einfach Harold Ramis‘ Audiokommentar zu „Ghostbusters“), der in seinem populären Werk „Der Untergang des Westens“ die Behauptung vertritt, Zivilisationen würden in Zyklen von tausend Jahren entstehen und wieder untergehen – Unsere sei kurz vor dem Niedergang. Ivo Shandor, der Strippenzieher hinter dem Gozer-Kult, der dem Film nach der Meinung gewesen sei, die menschliche Zivilisation sei „zu krank, zum überleben“, ist also ein direktes Abbild von Lovecraft (und Oswald Spengler).

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Oswald Spengler

Nach Zeiten wirtschaftlicher Stärke und der arroganten Überzeugung, die Menschheit sei die Spitze der Evolution, wich die Euphorie des 19. Jahrhunderts mit dem Greuel des ersten Weltkriegs und den folgenden politischen Unruhen einer neuen gesamtgesellschaftlichen Nüchternheit. Lovecraft, der durch seine persönlichen familiären Hintergründe zusätzlich geprägt war, verarbeitete sein Weltbild über Metaphern in seinen Geschichten: Er ersann kosmische Schrecken, alte Götter, so riesig und unbegreiflich, dass der menschliche Geist sie nicht verarbeiten kann. Seine Protagonisten sind üblicherweise „abgeklärte“ Männer der Wissenschaft, die mit beiden Beinen in einer Sicherheit stehen, die es so nicht gibt. Im Laufe der Geschichten werden sie an ihre Grenzen getrieben, müssen erkennen, dass es Dinge zwischen Himmel und Hölle gibt, die so viel größer als wir sind – im Umkehrschluß steht die eigene Unbedeutsamkeit. Eine Erkenntnis, die die Figuren oft in den Wahnsinn treibt.

Den Untergang unserer Welt zeichnete Lovecraft einerseits durch die schiere Wiederergreifung der Macht durch diese Über-Wesen, zum anderen durch die Vermischung unserer Spezies mit ihnen – Lovecraft war bekennender Rassist (was damals keineswegs unüblich oder gar geächtet wurde). Erst nachdem er eine zehn Jahre ältere Frau kennengelernt hatte und mit ihr vom Land in die Großstadt gezogen war, verlor er seinen Rassenhass zeitweilig: Plötzlich durften seine „fremden, götteslästerlichen“ Schrecken nicht nur eben diese sein, sondern sogar außerirdische Wissenschaftler, die mitunter gar für die Entstehung der Menschheit verantwortlich zeichneten„Berge des Wahnsinns“ nimmt die Theorie der Präastronautik vorweg und sollte sogar vor einiger Zeit von Regisseur Guillermo del Toro verfilmt werden. Del Toro hatte zuvor beide „Hellboy“-Teile gedreht – ein Franchise, das ebenfalls komplett durchtränkt ist mit Lovecrat-Symbolik. Als Ridley Scott jedoch dann mit „Prometheus“ einen thematisch ähnlichen Film drehte – heute würde man es ein drastisches Reboot nennen, legte Del Toro „Berge des Wahnsinns“ beiseite und konzentrierte sich auf „Pacific Rim“Popcorn-Lovecraft Light.

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Szene aus dem Film „Hellboy“

Die Geschichte „The Shunned House“ (1924) unterstellte erstmals geisterhaften Wesen eine wissenschaftliche Grundlage. Bis dato waren Geister pure Magie – hier nun war es Wissenschaftlern(!) möglich, mit Hilfe von elektrischen Gerätschaften und Flammenwerfern gegen das Unheil vorzugehen. Diese Erzählung revolutionierte nicht nur hundert Jahre Geistergeschichte, sie ist auch ein grober, indirekter Großvater der „Ghostbusters“.

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„Das Grauen von Dunwich“ ist Lovecrafts Ghostbusters: Wissenschaftler, Dämonen, Kulte, Portale und ausnahmsweise so etwas wie ein Happy End

„The Dunwich Horror“ konfrontiert zwei Professoren mit dem Schaffen eines Hexenmeisters (Shandor), der einem uralten Kult um ein außerdimensionales Gottwesen (Gozer) huldigt, und in „Dreams in the Witch-House“ ist die Rede von einer Räumlichkeit, die mit ihrer unfassbaren Architektur die Dimensionen sprengt und als Übergang in eine andere, ältere Welt dient. Ja, hier drängt sich „Spook Central“ auf, Danas Wohngebäude, eine supraleitfähige Antenne zum Anziehen und Konzentrieren spiritueller Turbolenzen. Auch Shandor Building ist ein Tor in eine andere Welt. Aykroyd und Ramis kennen (bzw. kannten) die phantastische Literatur und haben mit allerlei kulturellen (und religiösen) Einflüssen gespielt, die ins kollektive Bewusstsein übergegangen sind.

Über die erzählerischen strukturellen Bestandteile einzelner Geschichten hinaus prägen „Ghostbusters“ die Äquivalente: Das nur okkulte Buch „Necronomicon“ erfährt eine vage Entsprechung in „Tobin’s Spirit Guide“, und schwer fassbare Entitäten wie „Yog Shototh“, „Y’golonagh“ oder „Azatoth“ könnten gar entfernte Verwandte von „Volguus Zildrohar“, „Gozer“ oder „Zuul“ sein. Bei „Ghostbusters“ hieß es, ein „Sloar“ würde sich von „Shubs“ (und Zuuls) nähren, bei Lovecraft kennt man „Shub-Niggorath“. Ach ja, und schleimig triefend sind sie natürlich alle auch – hier wie da.

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„Cathulhu“ in RGB

Dass sich beide Welten verdächtig nahe kommen, wird dann später in der Trickserie „Real Ghostbusters“ zweimal offen ausgesprochen: „The Collect Call of Cathulhu“ (etwa „Das R-Gespräch des Cathulhu“ als Anspielung auf die Lovecraft-Geschichte „Call of Cthulhu“ und etwas hilflos im Deutschen als „Die unheimliche Geisterbeschwörung“) konfrontiert die Chaotentruppe mit dem großen Alten. Trotz kurzer Laufzeit und einiger Freiheiten in der Darstellung der Kreaturen (und kleiner Übersetzungsfehler bei uns) gehört die Episode auch bei Lovecraft-Fans zu den gelungeneren Adaptionen des Mythos, da sie – soweit es die Rahmenbedingungen und Limitierungen einer Samstagmorgenserie zuließen – erstaunlich nah an der Vorlage bleibt und respektvoll mit ihren Vorgaben umgeht. Es gibt das Necronomicon, es tauchen „Schogoten“ und Lovecrafts imaginäre „Miskatonic University“ von „Arkham“ auf (ja, das imaginäre Arkham, das später Namensgeber für die Irrenanstalt in „Batman“ wurde), vor allem aber wird der leicht falsch geschriebene „Cathulhu“ nicht vernichtet, sondern nur in den Schlaf geschickt (wohl aber per imposantem Feuerwerk).

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Mittlerweile hat sich der Kult um das fiktive Necronomicon verselbstständigt

Die zweite, ganz offensichtliche Lovecraft-Folge ist „Geisterjäger in Russland“ und kam gegen Ende der Serie. Hier war „Real Ghostbusters“ schon lange von Medienwächtern und Fachidioten heruntergewirtschaftet worden. Um das kindliche Publikum nicht zu verstören (oder vielleicht auch, um nicht existenten Urheberrechten nicht ins Gewinde zu kommen), „indizierte“ man die Namen á la Voldemort: Das Necronomicon kommt vor, doch plötzlich ist es so gefährlich, dass sein Name nicht ausgesprochen werden soll. Einen „großen Alten“ (offensichtlich einen anderen als Cat- oder Cthulhu) gibt’s auch, doch auch der bleibt unbenannt. Die Folge kann den allgemeinen Qualitätsverlust der Serie zu diesem späten Zeitpunkt mit ein wenig Douglas Adams-Humor und etwas Schauplatz-Abwechslung durch den Plot in Russland ausgleichen, doch „Collect Call of Cathulhu“ ist eine ganz andere Liga.

Neben den beiden direkten Verweisen durchzieht Lovecraft aber die gesamte Serie mal mehr, mal weniger offensichtlich: Es gibt Schogoten (die im Gegensatz zur „Cathulhu“-Folge auch wie welche aussehen) wie den Spuk auf Mrs. Favershams Dachboden, es gibt verrückte Alte, die Tore in Dimensionen öffnen, die sie besser geschlossen halten sollten, wie Mr. „Tummel und das Jenseits“, und selbst völlig Beklopptes wie „Das Loch im Loch“ bedient sich bei HPL.

Zule_Ghostbusters_Fridge_310_215Doch kehren wir zum Film und zum „Shandor“-Gebäude zurück, in dem Dana – eine Frau, die von oben bis unten in der „wirklichen Welt“ geerdet ist, quasi der klassische Lovecraft-Protagonist, eine klassische Lovecraft’sche Erfahrung macht. Das Tor in die andere Welt – in eine Andersheit, die so schrecklich, weil so abstrakt ist – eröffnet sich ihr nicht erst beim Finale auf dem Dach, sondern viel schlimmer (weil in einem viel trivialeren Moment), beim Blick in den Kühlschrank.

Dieser Blick in den Kühlschrank ist ein Teaser für die Dinge, die darauf folgen: Gozer ist ein multidimensionales, äonen altes Wesen, das Lovecrafts Philosophie des irrelevanten Menschengezüchts auf den Punkt bringt, indem es sie „Subkreaturen“ nennt. In einem phantastisch erzählten Sinnbild der menschlichen Neigung zur Selbstzerstörung dürfen die Protagonisten immerhin wählen, in welcher Form der Vernichtergott vernichtet: Schließlich folgt der Auftritt des Marshmallow-Manns, der übrigens nur deshalb nicht wie im Drehbuch vorgesehen und wie Lovecrafts Götter C’thulhu und Dagon aus den Tiefen der Gewässer vor der Stadt kommen durfte, weil das Screentime und Budget gesprengt hätte. Geplant war’s, sagt die Fan-Bibel „Making Ghostbusters“.

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Unvorstellbares Grauen of Evil.

Mr. Stay Puft funktioniert vielfach: Zum einen – für den Zuschauer – ist er natürlich als visuelles i-Tüpfelchen ein komödiantisches Highlight am Ende. Ein entfesseltes Marken-Maskottchen, das vorher als solches subtil aufgebaut wurde und hier und da zu sehen ist. Eine auf die Spitze getriebene Symbolfigur für einen außer Kontrolle geratenen Konsum. Die Gier wird unser (selbst bzw. im Film stellvertretend von Stantz gewählter) Untergang sein. In den anderthalb Stunden zuvor sieht man genußsüchtige Endverbraucher wie den von der Crew als John Belushis Geist bezeichneten, alles konsumierenden Slimer (und erinnert Euch, wie Belushi abgetreten ist), oder Peter Venkman, der von Reichtum und Röcken träumt. So gesehen ist es eine Ironie, wenn wir Ghostbusters-Fans nach der x-ten Variante einer Figur geifern, die sich eigentlich über ein solches Verhalten lustig macht…

Für die Protagonisten im Rahmen der Handlung ist Stay Puft schlicht ein kaum fassbares Riesenmonster, das „weit über die Fähigkeit rationalen Denkens hinaus“ entsetzt. Er ist die Quintessenz Lovecraft’schen Horrors, und er führt den gegenwärtigen, banalisierten C’thulhu-Kult um süße Stoff-Tintenfische ad absurdum, indem er zeigt, was von der Niedlichkeit bleibt, wenn man sie auf 50 böse Meter aufpumpt.

Lovecraft schrieb einst, die älteste und stärkste Emotion der Menschen sei die Angst, und die größte aller Ängste sei die vor dem Unbekannten. Und während Venkman darauf drängt, die Köpfe zu leeren, versucht Stantz, sich um die Konfrontation zu drücken, indem er geistig an einen Ort der Sicherheit und Geborgenheit abschweift, zurück in die persönliche Kindheit, zu strukturierter Ordnung – dem Gegenteil des Unbekannten. Aber das Grauen, das Leben, lässt sich nicht betrügen; die letztendliche symbolische Repräsentation unterscheidet sich von der ursprünglichen Sache. Der Marshmallow-Mann ist so erschreckend, weil er nicht dem entspricht, was er hätte sein sollen.

„Ghostbusters“ und Lovecraft bezeichnen die Wege ihrer Protagonisten als gegebene Schicksale, als Karma (wortwörtlich). „Es ist unser Schicksal, herausgeworfen zu werden“, sagt Venkman, und Stantz gefällt es nicht, doch er fügt sich, und die „Ghostbusters“ werden geboren. Fortan ist alles bestimmt: Vinz Clorthos Prophezeihung tritt ein, die Bibel wird zitiert: Vulkanausbrüche (Explosion des Containers), Erdbeben (vor dem Shandor-Gebäude) und Dunkelheit (darüber) – alles passiert tatsächlich. Am Ende müssen die Geisterjäger erkennen, dass der Weg sie zum Heldentod treibt, es gibt keine andere Möglichkeit, und es gab nie eine.

„Stell Dich der harten Realität.“ Lovecraft war hier am Ende, seine Figuren fix und fertig. Sie verloren ihren Verstand und ergaben sich ihrem Schicksal – in Variationen, jedoch immer passiv. Stantz‘ Fehler war es, sich über die Marshmallow-Mann-Idee vor seiner Bestimmung drücken zu wollen, doch der Erfolg kommt erst, als er ihr schließlich in die Augen sieht und die Konfrontation wagt. An diesem Punkt wird klar, dass „Ghostbusters“ nicht nur zitiert, sondern auch kommentiert: Ramis und Aykroyd verlassen Lovecrafts Nihilismus und ersetzen ihn durch eine weitere Ebene, einen neuen Pragmatismus, an dessen Ende Entwicklung steht.

Zum Schluß noch ein wenig Werbung in eigener Sache: Am 29. Juli erscheint unsere neue „Real Ghostbusters“-Fanhörspielfolge Nr. 11, „Es kam aus der Tiefe“. Auch hier geht’s um Cthulhu und das Necronomicon!

Lust auf mehr Hintergründe und Gedankenspiele? Hier findest Du die beiden ersten Artikel zu „Inside Ghostbusters“!

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2 Gedanken zu “Kosmische Schrecken: Lovecraft in „Ghostbusters“

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