Quo vadis, geliebtes Franchise?

Angeblich planen die Kreativen ganze „Geisterjäger“-Film- und Fernsehserien. Doch wie sollen die Maßstäbe der übermächtigen Klassiker gehalten werden, die drei Jahrzehnte Teil 3 nicht zustande kommen ließen? GBD wagt eine ehrliche Prognose ohne rosa Fanbrille und lädt zur offenen Diskussion in den Kommentaren.

Ghostbusters-Channing-Tatum-Chris-Pratt

Gestern ging die nächste Tumultwelle durch das hochsensible Geisterjäger-Fandom: Aus dem Nichts – einige heitere Stammtischgespräche Aykroyds mal außer Acht gelassen – hieß es, Sony wolle plötzlich ein ganzes Unterstudio gründen: „Ghost Corps“, mit Ivan Reitman und Danny Boy in verantwortlichen Positionen. Eine ganze Filmserie solle an Paul Feigs Mädels-Busters anschließen, auch mit anderen Teams, und auch wieder mit Jungs an den Strahlern. Einer dieser Filme wurde schon konkretisiert, angeblich könnten 2017 Channing Tatum („Jump Street“-Filme) und Chris Pratt gemeinsam jagen. Die Regie soll vom Team des nächsten „Captain America“ übernommen werden, das Drehbuch schreibt der Autor von „Iron Man 3“.

Damit nicht genug: „Ghost Corps“ plant nach Aussage Reitmans darüber hinaus noch TV-Serien, Merchandise – eben alles was „zu einem modernen Filmfranchise dazugehört“.

Das ist mehr, als sich der Fan noch vor Kurzem erträumen konnte: Die Verträge, die zu Zeiten des zweiten Teils mit allen Beteiligten abgeschlossen wurden, machten die Situation so kompliziert, dass ein regulärer Teil 3 bis zuletzt einfach nicht gedreht werden konnte. Erst nach Harold Ramis‘ Tod ging alles ganz schnell. Setzt man die Berichte der letzten Jahre wie ein Puzzle zusammen, kommt dies dabei heraus: Murray, lange Zeit der Sperrer, hatte nach einigen Absagen seinen Einspruch verwirkt. Ramis‘ Rechteanteil ging mit ziemlicher Sicherheit zurück an Sony. Aykroyd ist bekanntlich froh, wenn es nur irgendwie weitergeht, und Reitman hat offensichtlich keine Möglichkeit mehr gesehen, die alte Geschichte ohne Ramis und Murray weiterzuerzählen. Er sah aber wohl durchaus die Möglichkeit, als Teilhaber regelmäßig Profit aus potentiellen Reboot-Filmen einzustreichen, die auf einem neuen Kosmos beruhen, der seine Filme unangetastet lässt.

Die langjährige Sony-Chefin Amy Pascal ergriff die Gelegenheit, um mit „Brautalarm“-Regisseur Paul Feig eine Fassung mit Frauen am Ruder auf den Weg zu bringen. Konstruktiv und flott ging es plötzlich voran. Die Ideen lösten eine rechte Shitstorm-Welle aus, doch waren die Argumente entweder sexistischen Gedankengutes oder basierten auf konservativen Geekdom-Prinzipien. Objektiv stand Feigs Film in der Tradition der Klassiker: Feig selbst hatte in der Vergangenheit zumindest mit „Brautalarm“ und einer hierzulande unbekannten Serie namens „Freaks & Geeks“ ein Händchen für Komödie mit Charakter bewiesen, und auch das Casting ist eindrucksvoll. Wie damals beim Original kam ein Großteil von der Comedy-Talentschmiede „Saturday Night Live“, einzig Melissa McCarthy sorgte für etwas Stirnrunzeln. Doch das ist wohl hinnehmbar, die Lauten sind nun mal meistens nicht überall gleich beliebt. Dass das aber dennoch gutgehen kann, wenn das Script stimmt, sieht man an Murray vor 30 Jahren.

Dieser Film hätte eine angenehme Parallelsicht entwerfen können: Frisch, anders, aber doch gleich genug. Battlestar Galactica hat es auf anderer Ebene vorgemacht.

Amy Pascal hatte ein glückliches Händchen bewiesen, was heutzutage nicht gewöhnlich ist. Doch dann stolperte sie im Dezember über den Sony-Hack und wurde gegangen. Ihr Nachfolger, Doug Belgrad, fand die „Ghostbusters“-Situation offen vor und leitete offensichtlich die aktuellen Ereignisse ein. Es ist bekannt, dass neue Studiochefs den laufenden Projekten ihre eigenen Stempel aufdrücken wollen, sie übernehmen so gut wie nie 1:1 von ihren Vorgängern. In Reitman und vor allem Aykroyd mit seinen jahrzehntelang aufgebauten, wilden Fantasien fand er willige Mitspieler, ohne dass auch nur einer dieser drei Leute den rechten Sinn für das mitbringt, was „Ghostbusters“ ausmachte.

Wie soll das gehen, immerhin sind Reitman und Aykroyd doch zwei Schöpfungsväter des Franchises? Nun, was Reitman betrifft, haben wir ja schon festgestellt, dass der offensichtlich mit „seiner“ Fassung von früher abgeschlossen hat, und gegen eine üppige Rentenversorgung wird er nichts haben. Aykroyd war damals schon einer der beiden Kreativen, wurde aber von Harold Ramis‘ smartem Verstand stets in die richtigen Wege mitgeleitet. Seine eigene Idee für Teil 1 sah ein utopisches Szenario vor, in dem es Dutzende von Teams gibt, alle dieselbe Persönlichkeit haben und in mehreren Dimensionen gegen riesenhafte Monster kämpfen. Es war eher gewöhnliche Sci-Fi als Komödie. Für Teil 2 wollte er die Geisterjäger in ein kilometerlanges Unterweltsystem schicken, wo sie nach Dana suchen, die von britischen Zwergen gekidnappt wurde. Und für Teil 3 sollte es gar gleich in die Hölle gehen. Man kann sich vorstellen, wie sehr Ramis da noch mitgeschraubt hat, bevor die supertollen Filme daraus wurden, wegen der wir heute hier sind. Amy Pascal und Feig schienen ähnlich zu denken. Was man bisher so gehört hatte, war deutlich bodenständiger als ein entfesseltes Fantasy-Szenario. All das soll Aykroyd nicht kleinreden: Er ist nach wie vor einer der Konstrukteure, nur braucht es eben auch noch jemanden wie Ramis neben ihm. Das ist zur Zeit weder Ivan Reitman, noch Doug Belgrad, die in dieser Reihenfolge aufsteigend den Fokuspunkt auf satten Einnahmen haben dürften.

Aber wer sagt denn, das nun alles schlimmer werden muss? Nun, wenn wir uns die beiden alten Filme ansehen: Das sind regelrechte Knaller! Nicht nur ihr Humor, der sich durch schlagfertigen, trockenen Situationshumor statt durch simples Gealbere auszeichnet, macht sie groß. Sie sind philosophisch, machen kritische Aussagen in einer für diese Art Kino wenig plumpen und unaufdringlichen Weise. Ihre Schöpfer brachten ihr Allgemeinwissen um alte Religionen, Architektur, physikalische Konzepte und mythologische Ideen ein. So bestehen sie auch die Prüfung nicht nur durch die Fans, die sie selbst zustande brachten, sondern durch Cineasten und dem Feuilleton der Szene. Selbst, wer diese Dinge nicht nachvollziehen kann oder gleich gar kein Interesse daran hat: Sie wirken, schließlich ist uns drei Jahrzehnte später immer noch bewusst, wie sehr wir sie mögen. Schwer vorstellbar, dass nach so langer Zeit ein Film wie „Men in Black“ oder noch aktueller, einer der „Marvel“-Filme immer noch so konzentriert gefeiert wird. Es geht also um den Faktor X, über das reine Entertainment hinaus.

Marvel – Das sind wir beim Thema. Das neugeplante Cinematic Universe hat zweifellos Disneys Marvel- und Star Wars-Offensiven zum Vorbild. Sony hat neben Spider-Man und MIB nur Ghostbusters, und das will man nutzen. Doch während in der Vergangenheit die Pläne zu Teil 3 immer wieder gescheitert sind, weil die Gedankengänge und Konzepte mal Murray, mal wohl auch Ramis nicht gut genug waren (Ramis meinte z.B., für eine Fortsetzung bestehe kein Anlass, so lange sie „nur dasselbe erzählt und darüber keine interessante Aussage macht“, Murray steckte die Messlatte noch höher und erwartete ein Drehbuch, das es mit dem ersten Teil aufnehmen kann – er sagte nie wirklich nein), hat sich das nun geändert: In der neuen Situation kann Sony einfach beliebige Auftragsregisseure und Autoren einstellen, die dann ihre Arbeit machen, ohne ein besonderes eigenes Interesse, ohne eine eigene Liebe zu „Ghostbusters“. Anders als Murray oder Ramis müssen diese Leute ihre Familien ernähren, man will es ihnen nicht verdenken.

Das sieht man an den Namen, die gefallen sind: Der Autor von Iron Man 3 also? Ein Film, der (ganz zu schweigen davon, dass er im Vergleich mit beiden Vorgängern schlecht abschnitt), nicht mal eine Komödie ist. Inszeniert von den Russo-Brüdern, die ebenfalls aus der Marvel-Ecke stammen und sich nie für Humor qualifiziert haben. Der gehandelte Hauptdarsteller Channing Tatum ist ein gehyptes Kind, das sich dem Sony-Leak zufolge im letzten Jahr selbst per Mail einbrachte: „Lasst es uns episch machen, das wird so geil!“, schrieb er. Er ist kein Bill Murray, er will nur spielen. Auch ihm kann man es nicht verdenken. Nur: Ich kenne so viele „echte“ Cosplayer, die wahrscheinlich besser geeignet wären. Der Andere, Chris Platt, entlarvt die unreflektierte Mentalität hinter den Plänen noch mehr: Er wird gerade wegen seines Auftritts in „Guardians of the Galaxy“ gefeiert, und infolge dessen soll er der neue Indiana Jones werden. In „Jurassic World“ ist er auch dabei. Wenn er einen Geisterjäger spielt, werden die Leute ihn sehen, nicht seinen Charakter.

Es wird eine Reihe von Ghostbusters-Marvelfilmen, und Marvelfilme SIND ja unterhaltsam, Kinder ihrer Zeit: Schnell zu verdauuendes Popcorn für zwischendurch, aber im Nachhinein wenig sättigend. Sie laufen mit Varianten derselben Figuren nach Varianten derselben Schemen ab, und nichts ist daran schlimm, denn kein Mensch geht auf die Kirmes, um auf der Achterbahn Erlebnisse mitzunehmen, die so unvergleichbar sind, dass 30 Jahre später irgendwo einer in der Küche sitzt und über sie schreibt. Man geht auf die Kirmes, lässt sich unterhalten (gern in 3D), und dann kommt die nächste Attraktion. Das ist das neue „Ghostbusters Cinematic Universe“ – und es geht ja gar nicht anders, denn man kann unmöglich Film auf Film so hochgesteckte Ansprüche erfüllen wie die, an denen Teil 3 so lange gescheitert ist.

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