Das Tor zur Unterwelt

(RGB Episode 14, Staffel 2 – „Knock, Knock“, Autor: J. Michael Straczynski)

Von Rain

Bauerarbeiter stoßen tief unter der Erde auf eine uralte Tür, dessen dämonische Fratze die Männer davor warnt, das Tor zu öffnen. Erst am Tag des Welt-Untergangs darf dies geschehen. Die Arbeiter ignorieren die Warnung und nehmen ihre Tunnelgrabungen wieder auf. Aus dem geöffneten Tor fluten Horden von Gespenstern und Monstrositäten, die die Schächte und Bahn-Tunnel New-Yorks in ein Abbild der Unterwelt verwandeln. Ein Auftrag für die Geisterjäger. Die bahnen sich ihren anstrengenden Weg durch besessene U-Bahn-Wagen, an sprechenden Bäumen vorbei, hinein in bizarre, unergründliche Alptraumwelten. Ihr Ziel ist das Tor zur Unterwelt, das um jeden Preis wieder geschlossen werden muss bevor sich die Gestalten der anderen Dimension auf der gesamten Erde ausbreiten. Die Jungs stoßen dabei an ihre körperlichen Grenzen.

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Anschnallen zu „Das Tor zur Unterwelt“, der vielleicht wildesten und aufregendsten Folge der Serie. Was macht die Episode so gut? Ihre Story mag nicht nur in der Zusammenfassung eher schlicht erscheinen, sie ist wirklich ziemlich gradlinig und bietet keine besonderen Handlungsebenen, Nebenfiguren oder gar Wendungen. Vielleicht ist das aber auch grade das tolle: Hier reduziert sich der Inhalt schlichtweg auf unsere 4 Freunde und ihren Kampf gegen die Gespenster. Ghostbusters halt. Und ihr Kampf ist diesmal nicht ohne, denn hier wird die gesamte Unterwelt mobilisiert, deren unheilige Kreaturen und Energien sich den Jungs entgegen stellen. Unterwelt, Hades, die Hölle – um eben diese geht es. Schön, dass nicht zu plumpen Mitteln gegriffen wird und eine Teufelsfigur oder dergleichen als Hauptbösewicht stilisiert wird. Hier ist der Gegner die schiere und wilde Flut an Ungetümen, die in ihrer Art und Aussehen zwischen albernem Cartoon und düsterem Heavy-Metal pendeln. Einige der Spuk-Erscheinungen werden dabei im Detail heraus gepickt wie das unheimliche Sklavenschiff mit dem Skelett-Aufseher, der die menschlichen Ruderer durch Ewigkeiten antreibt (ganz schön harter Tobak, wenn man mal drüber nachdenkt) – anderes bleibt eher unkonkret, wie zB. die Unterwelt selbst, direkt hinter dem Dämonen-Tor, in die die Geisterjäger im Finale einen Blick werfen können. Hier offenbart sich Hades als riesige, rote Dimension mit einer blauen Planeten-Kugel in der Mitte. Unter ihr lauert ein gigantischer, nebelhafter Wurm und schaut auf unsere Freunde zurück. So wenig greifbar darf es gerne sein. Nach bester Lovecraft-Art, wäre die Hölle wohl kaum ein Platz, der mit unserem Verstand zu erfassen wäre… Diese unkonventionelle optische Präsentation der Folge hinterlässt einen starken Eindruck. Damals sicherlich noch mehr. Denn ähnliches gab es da nicht im amerikanischen „Kinder-Fernsehen“ der 80er.
Es kommt noch dicker, denn zusätzlich werden diese Schreckens-Szenarien vom allerfeinsten Animationsteam bewegt. „Das Tor zur Unterwelt“ gehört unbedingt zu einer der optisch schönsten Folgen der gesamten Serie. Das Studio Ajia-Do ist verantwortlich für die flüssige Animation, die plastischen Figuren und auch die außergewöhnliche Farbgestaltung der Bilder. Ajia-Do ist sich über seine Meisterleistung wohl im Klaren und hat den Namen des Studios in einer Szene auf einem Kanaldeckel für die Ewigkeit platziert. (Danke an Max an dieser Stelle für die coole Info!)
„Das Tor zur Unterwelt“ ist eine einzige Tour de Force für unsere Freunde – von der ersten Einstellung der Episode (in der die Jungs noch gegen einen ebenfalls sehr hartnäckigen Spuk in einem Bowlingcenter kämpfen) bis hin zu ihrem wohlverdienten Abschluss, als die Geisterjäger endlich in ihre warmen Betten plumpsen können. Man fiebert von vorn bis hinten mit.
So ist die Folge natürlich auch ein großer Favorit unter den Fans. Sie führt derzeit die Liste der beliebtesten Episoden auf IMDB.com an und ist auch nach meiner Auffassung eine Folge, die mindestens in jede Top-5 Hitparade von RGB-Kultepisoden gehört. Wenn nicht sogar höher. 😉

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Auf ihrem anstrengenden Weg durch die Welt des Untergrunds stoßen die Geisterjäger auf allerlei kuriose Dinge und Gestalten. Los geht es als die Freunde in eine U-Bahn steigen um sich auf schnellerem Weg dem PKE-Signal des Tores zu nähern. Dies stellt sich bald als Fehler heraus, denn die Bahn ist längst zur Brutstätte von unzähligen skelettartigen Todesfiguren geworden ist. Die Wagen rollen. Die Geisterjäger feuern los. Geister und Protonenstrahlen platzen aus den Fensternfronten. Die Kamera verfolgt dabei die Bahnschienen wie bei einer Achterbahnfahrt bis im Verlauf der Szene die komplette Bahn aus ihren Schienen bricht und auf einen großen Sprung über die Straßen des New-Yorks der Oberfläche ansetzt. Alles zur fetzigen Instrumentalversion des GB-Titelliedes. Cool.
Ihrem Ziel nun ein ordentliches Stück näher gekommen, treffen die Vier auf eine gut gekleidete Frau, die verlassen an den dunklen Gleisen steht. Peter wittert natürlich mal wieder seine Chance und will die Dame an die Oberfläche bringen. Diese entpuppt sich darauf allerdings als grässliche Knochengestalt und stürzt sich auf unsere Freunde. Zugegeben, dass mit der Frau irgendetwas nicht stimmt, weiß der Zuseher ab der ersten Sekunde. Dennoch sitzt der Schock, wenn sie ihre graue Fratze offenbart. Eine der berühmten Szenen der Serie, die beim kindlichen Betrachter nicht ihren Zweck verfehlen.
Im Anschluss an den Schreck stolpert Winston über eine Steintafel, auf der uralte Hieroglyphen zu lesen sind. Sumerische Hieroglyphen, wie Egon erklärt. Denn der Wissenschaftler stellt kühl klar, dass er die antike Sprache der Sumerer im Schlaf spricht, unter Wasser und mit verbundenen Augen. Durch die Tafel kommen die Jungs ihrem Ziel ein ordentliches Stück näher, denn sie erfahren, dass das Tor eigentlich erst zu Zeiten des Weltuntergangs geöffnet werden soll, auf das die Unterwelt dann unsere Welt ersetzen wird. Nachmieter quasi. Das schöne New-York scheint dabei übrigens das Reiseziel Nummer 1 für sumerische Touristen zu sein. Im Anschluss an Gott Gozer schaut nun gleich die gesamte Unterwelt mal vorbei. Beide treten durch ein Tor mit schwingenden Türen in unsere Welt. Die eine hoch auf einem Wolkenkratzer, die andere tief unter der Erde. So wirkt die Folge wie eine kleine Antwort auf die Handlung des Films.
Nach der Begegnung mit einem alten, sprechenden Baum, der unseren Freunden anscheinend freundlich gesinnt ist und mit Infos versorgt, kommen die Jungs dann endlich an am Tor zur Unterwelt. Wie bereits oben beschrieben blicken sie in eine riesenhafte Weite, aus der die Energien nur so heraus stürmen. Die Geisterjäger kommen kaum dagegen an, und können sich nur durch lautes Rufen miteinander verständigen. Vor dieser Kulisse gibt es dann das sicherlich aufregendste Finale der Serie. Man spürt die ganze Anspannung und den großen Kraftakt der Jungs. Als diese dann auch noch den Boden unter den Füßen verlieren und beginnen in die fremde Dimension zu schweben, sitzen wir auf der Stuhlkante. Die Folge funktioniert auch nach fast 30 Jahren tadellos.

Autor der Folge ist RGB-Mastermind J. Michael Straczynski, der für die Serie in ihren ersten beiden Staffeln verantwortlich war. Die Story ist, wie gesagt, schlicht. Neben ihren bereits beschriebenen furiosen Bildwelten zum Selbstzweck, gibt es noch einen weiteren Grund warum die Einfachheit der Geschichte nicht weiter tragisch ist. Denn als erste Folge der zweiten Staffel, muss die Episode außerdem als eine Art Opener funktionieren um die Welt der Geisterjäger (nach mehreren Monaten Sendepause) erneut für den Zuschauer etablieren. So dienen zT. einige Szenen einzig dem Grund die Gerätschaften der Geisterjäger zu erklären, oder den Ablauf einer Geisterjagd darzustellen, oder den Alltag in der Zentrale zu beleuchten. Es wird zB. im Detail beschrieben wie Egon die gefangenen Geister von der Bowlingbahn in den Verbannungscontainer einschleust. Als Intro und Outro wird die Folge zudem in eine typische Szene gebettet in der nicht nur auf Janine als Sekretärin der Unternehmens eingegangen wird, sondern auch das Verhältnis der Jungs zu Slimer, ihrem alles fressenden Hausgeist gezeigt wird; Peter will den grünen Stöpsel endlich platzen lassen, nachdem dieser den Essensvorrat der Zentrale mal wieder geplündert hat. Am Ende der Folge schenkt ihm Peter aber zur Wiedergutmachung für seinen Wutausbruch eine Pizza. Das wirkt alles sehr typisch und leider auch etwas losgelöst von der eigentlichen Story um das Tor zur Unterwelt.
Auch sei erwähnt, dass es einige seltsame Schnittfolgen im Verlauf der Episode gibt. Meistens betreffen sie die Szenen um das Tor, das außerdem mit seiner offenbar wechselnden Größe für leichte Verwirrung sorgt. Diese Details sind allesamt nicht besonders tragisch und schnell vergessen.

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Straczynski ist dabei Held der tollen Dialoge und Szenarien. So bleiben kultige Gespräche in Erinnerungen wie Rays Erklärung-für-Dummies (in diesem Fall für Peter) zur Funktionsweise des Unterwelt-Tores: Die Pest aus der anderen Dimension dringt nach und nach aus dem Tor heraus bis irgendwann unsere gesamte Welt von ihr erfasst ist. Als Vergleich zieht er Peters getragenen Socken heran, die er im Kleiderschrank vergessen hat. Der Schrank wird irgendwann komplett nach Peters müffelnden Socken riechen. Das leuchtet Peter ein.
Neben dieser Art Humor zeigt Straczynski aber auch andere Seiten der Helden: Spätestens im Finale wechselt der Ton, als Egon den Jungs offenbart, dass sie aus diesem Abenteuer wahrscheinlich nicht mehr lebendig zurückkehren werden. Die Jungs treten dennoch entschlossen ihrer gemeinsamen Bürde entgegen. (Auch wenn Ray dabei witzelt, dass er doch grade erst eine Jahreskarte für seinen Fußballverein bekommen hat – im Original Season-Tickets für die New-York Mets). Dies erinnert natürlich an das plötzlich sehr entschlossen-ernste Finale im GB-Film, in dem unsere Freunde ebenfalls bereit sind ihr Leben zu opfern um die Welt zu retten.
Und noch etwas steht ganz im Sinne der GB-Welt, die der Film etabliert hat: Auch wenn nur vergleichsweise kurz darauf eingegangen wird, so sind die eigentlichen Verantwortlichen der Ereignisse nicht etwa die Geister, sondern die drei menschlichen Bauarbeiter, die durch ihre ignorante Weise eine Warnung missachten, die verbotene Tür öffnen und die Geschehnisse erst ins Rollen bringen.

Wie es den Geisterjägern gelingt das Tor wieder zu schließen, schaut sich am besten jeder (noch mal) selbst an. Nur so viel; natürlich gelingt es ihnen. Die Serie geht ja weiter… Da stehen sie nun im wieder geisterfreien New-Yorker Untergrund vor der geschlossenen Tür, die abermals ihre deutliche Warnung ausspricht: „Bitte erst öffnen am Tag des Untergangs.“ Kult-Synchronsprecher Helmut Krauss sei Dank bleibt uns der tiefe und eindringliche Satz wohl für alle Zeiten im Gedächtnis. Den Geisterjägern mit Sicherheit auch, nach diesem Abenteuer aller Abenteuer.

PKE-Punktewertung: 10/10 – Signalausschlag: Top-5 Episode!

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