Aus einem Kriminalroman

(RGB Episode 30, Staffel 2 – „Boo-Dunit“, Autor: Dennys McCoy & Pamela Hickey)

FolgeImFokus9A

Von Rain

Agatha Grisley, die berühmte Kriminal-Autorin ist verstorben. Zur Testamentsvollstreckung in ihrer Villa werden die Gäste Zeugen von klassischem Spuk; Dolche blitzen auf, unheimliche Schüsse ertönen, Gestalten erscheinen und verschwinden wieder… Winston ist begeistert! Ist er doch Mrs. Grisleys größter Fan und besitzt das Talent den Mörder eines jeden Krimis noch vor Roman-Ende zu enttarnen. Schnell wird den Geisterjägern klar; Agathas Geist hat noch keine Ruhe gefunden, weil sie ihren letzten Krimi nicht vollenden konnte. Winston bekommt die Ehre das Werk aufzulösen. Noch während er liest, tauchen die verschiedenen Charaktere des Buches auf und binden die Geisterjäger in die verrückten Krimi-Szenen ein. Koch, Geliebter, Verehrer, Arzt – wer ermordete die schöne Debbie?

„Aus einem Kriminalroman“ ist nicht nur die Krimi-Folge der Serie, sie ist vor allem eine Folge für Winston. Hier bekommt der Geisterjäger, der von den Vieren vielleicht am ehesten übersehen wird, seine Charakter-Stunde, kann so richtig aufblühen und seine Talente zeigen. Erfuhren wir in der Episode „Die indianische Legende“ bereits von seiner großen Vorliebe für den Baseball-Sport, so lernen wir diesmal Winstons Begeisterung für Kriminalgeschichten kennen… Am Anfang der Folge machen sich die Jungs zunächst einen gemütlichen Fernseh-Abend mit Pizza und Tatort-Krimi. Winston verblüfft die anderen dabei mit der kompletten Auflösung der Mordgeschehnisse noch bevor der Täter ermittelt wurde. Die Jungs sind von diesem „Spoiler“ nicht grade begeistert (am Ende der Folge werden sie ihm vor dem nächsten Krimi vorbeugsam den Mund knebeln), doch ahnen sie noch nicht, dass Winstons Talent zum analytischen Denken und seine kriminalistische Einfühlungsgabe nicht nur ihren nächsten Fall lösen, sondern ihnen sogar das Leben retten wird. Denn natürlich gelingt es ihm später den unbeendeten Grisley-Roman aufzulösen und damit auch die tickende Bombe aus der Geisterwelt der Romanfiguren kurz vor der Explosion verschwinden zu lassen.
Winstons Liebe zu Krimis wird übrigens später in der Serie von einem anderen Autor tatsächlich noch mal aufgegriffen. Dies überrascht, da sich die Serie zu diesem Zeitpunkt nicht mehr all zu tief um ihre Charaktere kümmert, geschweige denn Ansätze aus früheren Episoden wieder aufgreift. Es ist die Folge „Sherlock Holmes und die Geisterjäger“ aus der fünften Staffel. Der Titel nimmt den Inhalt vorweg, denn genau darum geht es. Außerdem taucht Erzfeind Moriarty auf und will wieder zu den Lebenden zurückkehren. Winston glänzt abermals durch sein detektivisches Talent und darf Sherlock und Watson bei der Ganovenjagd begleiten…
Sollte Winston irgendwann der Protonenstrahler zu schwer werden, so sehen wir da definitiv eine zweite Karriere als begnadeter Krimi-Autor oder gar Privatdetektiv.

Die kammerspielartige Story selbst ist (wie eigentlich bei allen Folgen der ersten und zweiten Staffel) im Prinzip gelungen. Es gibt zwar keine große Action oder schlabbrige Monster (die Jungs fangen kein einziges Gespenst), und die stark überzeichneten Romanfiguren sind mitunter etwas uninteressant und albern… Aber das ist nicht wirklich das große Problem. Das Problem ist leider die chaotische Animation der Episode, die einem den Spaß regelrecht verderben kann. Vielleicht kann man „Kriminalroman“ (zusammen mit der visuell ähnlichen Opernhaus/Walküren-Folge) als die optisch schlechteste der ersten Staffeln bezeichnen: Die Zeichnungen und Hintergründe sind teilweise sehr schlicht. Figuren sehen oft schluderig oder sogar etwas deformiert aus. Proportionen von Körperteilen oder Entfernungen stimmen nicht richtig. Colorationsfehler schleichen sich ein. Und vor allem ist die Animation, also die Bewegung der gezeichneten Objekte, ziemlich steif und wirkt recht unkoordiniert.
Neben diesen ästhetischen Gründen an sich, leidet natürlich auch indirekt der Inhalt der Episode darunter. Denn der Erzählfluss und das Tempo sind dann so stockend wie die Animation selbst. Der typisch trockene GB-Humor kommt dadurch oft gar nicht mehr so cool durch wie er eigentlich gemeint war. Die Gags funktionieren nicht mehr richtig. Das Schauspiel der Figuren bleibt starr. Es kommt regelrecht zu Verständnisproblemen. „Kriminalroman“ bietet da unzählige Beispiele.

FolgeImFokus9B

Es ist kein Geheimnis, dass die Produktion von Episoden für Zeichentrickserien, nach den kreativen Vorbereitungen in den US-Produktionsräumen (Skript, Dialogaufnahmen, ggf. Figuren-Design und Storyboards), an Animationsstudios in östlichen Ländern abgegeben wird. Bei der Vielzahl an Folgen für die zweite Staffel (65 Stück), die während eines Jahres erstellt werden müssen, werden diese aus Zeitgründen auf verschiedene Studios aufgeteilt. Natürlich auch aus Kostengründen um zu sparen. Denn dass zwischen „Kriminalroman“ und zB. der Folge „Das Tor zur Unterwelt“ aus anderem Studio optisch Welten liegen, die sich natürlich auch in Arbeitsaufwand und Preis der Studios widerspiegeln, dürfte offensichtlich sein. Dieser Tatsache sind sich die Kreativen durchaus bewusst. Straczynski bedauert in einem Audiokommentar zur prächtigen Folge „Die Geisterinvasion“, dass leider nicht alle Episoden budget-technisch so toll aussehen können. Es wirkt jedoch so als würden die Hauptverantwortlichen in der Produktionsphase die ohnehin nicht ganz so gelungenen bzw. inhaltlich weniger aufwändigen Skripte an die eher günstigen Studios abgeben. So auch im Falle der Krimi-Folge, denn aufwändige Action gibt es dort kaum und der Inhalt beschränkt sich lediglich auf die dunklen Räume der Grisley-Villa. So zu sagen bleibt der Animations-Schaden gering.
Auch in den Produktionsstätten anderer Studios, wie beispielsweise der Warner-Cartoons aus den frühen 90ern, hat man mit diesen Zeit- und Budget-Engpässen zu kämpfen. Bruce Timm, visueller Leiter der extraordinären Batman-Zeichentrickserie, bedauert in einem Interview die stark schwankende Qualität der Präsentationen. Vor allem die Arbeiten des Studios Akom sind ihm da im wahrsten Sinne ein Dorn im Auge. Dies ist nicht übertrieben, denn die grobe Animationen des Studios, die bis hin zu starken Verschmutzungen der Trick-Folien reicht, lassen dagegen „Aus einem Kriminalroman“ fast wie große Kunst aussehen.
Die qualitativ wechselnde Optik in Animationsserien ist dabei ein Phänomen der 80er und 90er Jahre, als Trickserien in ihrer klassischen Form die (US-)TV-Sender überschwemmten. Heute ist mit rechnergestützter Animation und mit großflächigen HD-Fernsehern längst ein anderer, höherer Standart für Zeichentrick-Shows erreicht. CGI verdrängt leider außerdem mehr und mehr die klassische Handzeichenkunst.
Im Falle unserer Krimi-Folge bietet sich eine witzige Anekdote an, die die teils sehr schlechten Produktionsverhältnisse auf den Punkt bringt und die zusätzlich auch einfach die sprachlichen Verständigungsprobleme zwischen US-Büro und koreanischem Animationsstudio aufzeigt… Das Skript verlangt nämlich gleich zu Beginn der Episode, dass die Jungs vor dem Fernseher Pizzastücke aus einer Pizzaschachtel mampfen. Die zuständigen Zeichner kennen in ihrer kulinarischen Welt in Korea anscheinend keine Pizza. Denn was am Ende auf dem Tisch und in den Händen der Geisterjäger landet, gleicht je nach Einstellung eher Pfannkuchen, Tortenstücken oder sogar eckigen Bade-Schwämmen… Aber Hauptsache den Jungs (und Slimer) schmeckt’s.
Richtig phänomenales Animations-Handwerk produziert während dessen das japanische Studio TMS, das uA. sowohl für die Warner-Serien als auch für RGB (bzw. DIC) arbeitete. Hier sind die Zeichnungen präzise und plastisch, die Animationen sind dynamisch und die Farben sind leuchtend auf einander abgestimmt. Ein wahrer Augenschmaus! Zeichentrick ist spätestens hier Kunstform. Wie bereits gesagt, schaue man sich für einen direkten Vergleich der Ergebnisse von verschiedenen Produktionsstudios am besten „Aus einem Kriminalroman“ und „Das Tor zur Unterwelt“ von Studio TMS an. Zwischen diesen Folgen liegen Welten.
Unterm Strich ist es einfach sehr schade, dass nicht alle RGB-Episoden toll aussehen können – erst Recht bei den durchgehend starken Skripten und Storys, die immer die idealen Voraussetzungen für gute Animation, bzw. eine tolle Folge mitbringen würden.

Zurück zur Folge…
Als sich die Jungs im Haus aufteilen um nach dem Spuk zu suchen, nimmt sich Peter natürlich die Küche vor und schaut als erstes in den Kühlschrank: „Vielleicht versteckt sich im Eisschrank ein Geist. Wäre ja nicht das erste Mal.“ Damit hat er natürlich Recht, wie wir seit Dana Barretts Heimsuchung wissen. Er findet aber nur Bananen… (Die immerhin wie Bananen aussehen.)

Der Name der Figur Agatha Grisley ist natürlich eine überdeutliche Anspielung auf die reale britische Autorin Agatha Christie. Auch der von Winston genannte Titel des Buches „Mord auf dem Orient-Teppich“ ist eine witzige Parodie auf das berühmte Original „Mord im Orient-Express“. Christie lebte von 1890 bis 1976 und gilt mit ihren unzähligen Krimi-Romanen und Kurzgeschichten als eine der erfolgreichsten Autorinnen überhaupt. Ihre berühmtesten Figuren sind der Ermittler Poirot und natürlich die kultige Amateur-Detektivin Miss Marple, die besonders auch durch die Filme mit Margaret Rutherford bekannt wurde. Eine der Geschichten um Miss Marple erschien erst nach dem Tod Christies – anders als in RGB war das Manuskript allerdings beendet. Von geisterhaften Begleiterscheinungen bei Veröffentlichung ist nichts bekannt. 😉

Die Geschichten und Figuren von Grisley, die in der Folge zum Leben erwecken, nehmen natürlich ganz nach RGB-Art einen überspitzteren Ton als die klassischen Detektiv-Geschichten der realen Christie an, und spielen mit allseits bekannten Krimi-Klischees. Peter bemängelt die abgedroschenen Dialoge: „Und sie hat dafür am Ende tatsächlich noch Geld kassiert?“ Egon entgegnet: „Manche Leute haben eben Glück im Leben.“ Am Ende der Episode und nach erfolgreicher Roman-Auflösung auf Seiten Winstons erscheint der dankbare Geist von Grisley tatsächlich vor unseren Freunden und sieht dann eben auch eher wie durchgeknallte Groschenheft-Schreiberin als ehrwürdige Autorin aus. Dennoch ein schönes Ende für die Episode – besonders auch für Winston, dem wir diesen Abschluss und den ehrenvollen Abschied von seiner Kultautorin von Herzen gönnen.

PKE-Punktewertung: 5/10

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