Die drei Weihnachtsgeister

(RGB Episode 13, Staffel 1 – „Xmas Marks The Spot“, Autor: J. Michael Straczynski)

Von Rain

FolgeImFokus8A

Auf der Heimfahrt geraten die Geisterjäger in einen außergewöhnlichen Schneesturm, der sie in die Vergangenheit entführt. Sie landen in einem verträumten Dorf zur Weihnachtszeit des 19. Jahrhunderts. Dort treffen sie auf den Autor Ebenezer Scrooge, der von drei Geistergestalten heimgesucht wird. Kurzerhand werden sie von den Geisterjägern eingefangen. Wieder in der Gegenwart, werden die Jungs Zeugen von Unglaublichem: Weihnachten existiert nicht mehr! Das friedfertige Fest muss gerettet und die drei bereits eingesperrten Weihnachtsgeister der Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit zurück zu Scrooge gebracht werden. Er soll von den Wundern des Weihnachtsfestes überzeugt werden und darf seinen unheilvollen Roman niemals beenden. Während Egon eine schweißtreibende Suche nach den Dreien im Verbannungscontainer beginnt, improvisieren Peter, Ray und Winston vor Scrooge in Perücke und Verkleidung.

Passend zur Dezember-Zeit die erste (und einzige) Weihnachts-Folge der Real Ghostbusters im Fokus. „Die drei Weihnachtsgeister“ bildet den Abschluss der ersten Staffel mit ihren 13 Episoden und lässt die Serie vorerst mit einem Knaller enden: Es gibt die geballte Ladung Weihnachtsatmosphäre und Festtags-Andacht, verschneite Dörfer, Gesang, und eine Prise Moral. Wer da nicht direkt in Weihnachtsstimmung kommt ist entweder ein Scrooge oder ein Grinch. Mit dem direkten Bezug auf die berühmte Weihnachtsgeschichte um Ebenezer Scrooge oder auch dem persönlichen Weihnachtsgruß an den Zuseher am Ende der Episode, kann man fast von einer Art Festtags-Special innerhalb der Serie sprechen. So wurde die Folge in ihrer US-Erstausstrahlung natürlich zur Vor-Weihnachtszeit gesendet. Eines Specials würdig ist dann auch die Animation der Folge; Team „Schmollmund“ ist hier wieder am Werk, das sich bereits mit den voraus gegangenen Folgen „Mrs. Rogers Spukhaus“ und „Hier kommt der Sandmann“ bestens aufwärmen konnte. Aufwärmen – in Anbetracht der vielen Szenen mit heftigem Schneeflockentreiben übrigens besonders praktisch.

Die amerikanische Weihnachtsgeschichte „A Christmas Carol“ um den geizigen Geschäftsmann Ebenezer Scrooge, der einen Groll gegen das Weihnachtsfest hegt, ist weltbekannt. Geschrieben wurde sie 1843 von Charles Dickens – also zu der Zeit als auch die Geschichte selbst spielt. Längst ist sie auch in Deutschland Teil der traditionellen Festtags-Klassiker. Es gibt zahllose Verfilmungen, Theaterspiele und Musicals zur Lektüre, mit der wohl jeder von uns irgendeiner Form aufgewachsen ist. Bei mir war es zB. die Film-Version der Muppets. Auch der etwas freier auf der Geschichte basierende Film „Die Geister, die ich rief“ (OT: „Scrooged“) mit Bill Murray in der Hauptrolle muss an dieser Stelle natürlich erwähnt werden.
Scrooge behandelt seine Mitmenschen wie Dreck und zahlt seinen Angestellten zu wenig Lohn. Für die Andacht des Weihnachtsfest hat er nur einen Kommentar übrig: Humbug! In den Nächten vor Weihnachten erscheinen ihm, neben dem Geist seines verstorbenen Geschäftspartners Marley, drei Geister, die Scrooges Lebenslauf mit ihm zusammen Revue passieren lassen. Sie decken Enttäuschungen in Scrooges Kindheit auf und machen auf Missstände in der Gegenwart aufmerksam, wie zB. auf Tim, das kranke Kind eines Angestellten, das nicht behandelt werden kann, weil Scrooge zu wenig Lohn zahlt. Als der dritte Geist die mögliche Zukunft eines ungeliebten und verstorbenen Scrooge zeigt, ist dieser endgültig geläutert und beginnt ein besserer Mensch gegenüber seinen Mitmenschen zu werden.
In RGB landen wir, bzw. die Geisterjäger, bereits mitten drin in dieser Weihnachtsgeschichte, die ab nun natürlich einen Verlauf nach GB-Art nimmt… Marleys Geist hat Scrooge grade verlassen und das folgende Geister-Trio ist bereits da (muss halt alles etwas schneller gehen in 22 Minuten). Die Geisterjäger tun natürlich das, was sie am besten können: Sie fangen die Geister kurzerhand vor Scrooges Nase ein. Dieser ist überglücklich darüber, speist die Jungs mit einer mageren Münze ab und hat nun alle Zeit der Welt um sich endlich ungestört in seinem Groll zu verlieren: Er erklärt Weihnachten den Krieg und beginnt den Roman „Ein Weihnachts-Humbug“ zu schreiben, in dem er mit dem weihnachtlichen Frohsinn endgültig abrechnet. Den Geisterjägern geht erst wieder im New York der Gegenwart ein Licht auf, mit welcher berühmten literarischen Figur sie es hier zu tun hatten. Denn Scrooges Roman ist derweil ein Kassenschlager geworden und Weihnachen gibt es nicht mehr. Keine geschmückten Straßenverkleidungen. Kein Frohsinn unter den Leuten. Selbst Janine hat für das überholte Fest nur noch ein Wort übrig: Humbug!
Dabei gibt es natürlich weitere Anspielungen auf Dickens Werk, wie zB. den kleinen Tiny Tim, den wir mit seinem Vater beim Fleischer antreffen. Gemeinsam kaufen sie den günstigen Festtagsbraten; eine Mini-Ente, die nicht größer als die Hand des Vaters ist. Im DVD-Intro zur Folge gesteht RGB-Autor/Editor/Mastermind Straczynski, dass er eine große Vorliebe für Dickens Weihnachtsgeschichte hat. Das merkt man.

Neben dem smarten Umgang mit der Lektüre um Scrooge ist vor allem ein weiteres Element der Folge ein Highlight und eines Serien-Specials wahrlich würdig: Egons Trip in den Verbannungscontainer. Der Wissenschaftler schlüpft in einen astronautenähnlichen HiTech-Anzug, löst seine molekulare Dichte und begibt sich in den Eindämmungsapparat um die 3 gebunkerten Weihnachtsgeister innerhalb eines Zeitlimits von einer Stunde zu finden und zurück in die Realität zu bringen. Was für ein Mann! Dies ist nicht nur äußerst spannend und intensiv in Szene gesetzt (Slimer versucht simultan das Gerät zur Container-Öffnung mit einem Feuerlöscher vor dem Überhitzen zu retten, während Janine um das Zeitlimit bangt), wir sehen hier auch zum ersten Mal in der Serie das Innenleben des kultigen Verbannungscontainers der Jungs (von einem kleinen Reinkucker in der SamHain-Episode mal abgesehen). Man fragte sich immer wie die unzähligen gefangenen Geister in den Container passen. Tatsächlich scheint sich im Eingangsbereich ein dimensionsartiges Tor zu öffnen, durch das die Geister in einen sphärischen Tunnel im Stil von „2001“ sausen. Im Inneren gibt es dann eine surreale Weite mit schwebenden Ebenen, auf denen sich die Geister tummeln. Hier findet Egon tatsächlich die 3 Geister, die die Rettung scheinbar längst erahnt haben und sich umgehend Egon anschließen. Problem und gleichzeitig weiteres Highlight der nächsten Etappe: Die anderen Geister haben längst geschnallt was vor sich geht und verfolgen die Vier. Die Geisterhorde besteht tatsächlich aus allen(!) Hauptbösewichten und zahlreichen Nebenfiguren, die die Serie bis hierhin hervor gebracht hat. Von Killerwatt bis Flügelpuma ist jedes Monstrum zu sehen – auch wenn man meist die Folge pausieren muss um wirklich alle Figuren zu finden. (Damals natürlich frickeligerweise mit der groben Pausentaste des Videorekorders bewerkstelligt.) Eine festliche Idee der Kreativen.

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Was ist sonst noch toll? Als Ray, Peter und Winston einen Spaziergang durch das verschneite New York unternehmen, sind die Straßen voll mit Menschen. Angesichts der Tatsache, dass solche Massen-Szenen innerhalb der Serie meist ausgespart bleiben, da eher aufwändig in der Animation, wirkt New York endlich einmal wie eine belebte Weltmetropole.
Neben der toll angelegten und gespielten Figur des Scrooge an sich, bleibt vor allem auch Peter, Ray und Winstons super witzige und turbulente Improvisation im Gedächtnis, mit der sie ihn als Weihnachtsgeister überzeugen wollen. Peter ist dabei das Geister-Mädchen der Vergangenheit. Mit blonder Lockenperücke und einer Magnesium-Apparatur um die Hüften, mit der die leuchtende Geister-Aura dargestellt werden soll, gelingt Peter sogar die Täuschung des skeptischen Geizhalses. Peter setzt Scrooge einen 3D-Viewmaster (80er Jahre Kult-Item!) auf die Nase und rennt mit ihm im Kreis herum um eine Reise in Scrooges Vergangenheit zu symbolisieren. Ray hat es als stummer Geist der Zukunft ungleich schwerer, Scrooge auch nur irgendetwas mitzuteilen. Am Ende fragt Peter ob Ebenezer denn wenigstens nach all dem Aufwand etwas gelernt habe. Scrooge: „Es tut mir leid, aber ich wusste nicht, dass ich das sollte.“ Typischer RGB-Humor.
Was hätte noch besser sein können? Leider ist das durchgehende Schneetreiben in der Episode etwas zu penetrant ausgefallen. Die sehr großen Flocken (fast Schneebälle) überdecken leider oft zu stark die tolle Animation der Folge. Zu wünschen wäre vielleicht auch gewesen, dass die Folge als Sonderformat mit doppelter Laufzeit produziert worden wäre. Denn der Stoff wirkt oft etwas gehetzt und die Folge hätte natürlich noch mehr in Weihnachtsatmosphäre schwelgen können und unbedingt auch Egons Container-Aufenthalt ausweiten können.
Leider bleibt dies die einzige Weihnachtsfolge innerhalb der langen Laufzeit der Serie. Im Grunde hätte das Prinzip in jeder Staffel aufgegriffen werden können… Beginnend mit Staffel 2: Die Geisterjäger gegen den Grinch. 😉

Zwischen all dem Beschriebenen setzt die Folge aber tatsächlich noch einen drauf und rundet die Geschichte mit einer persönlicheren Ebene ab. Peters spezieller Geschichte. Der macht nämlich im Verlauf eine ähnliche Entwicklung durch wie Scrooge. Auch Peter macht sich zunächst nichts aus Weihnachten, weil sein Vater (den wir noch in der zweiten Staffel kennen lernen werden) ihn immer allein gelassen hat. An Weihnachten ist er deprimiert. Als Peter Scrooge von den Wundern des Festes und des Lebens überzeugen muss, ist dies gleichzeitig auch eine Therapie für ihn selbst. Oder wie es der Geist der Gegenwart am Ende vor den Geisterjägern speziell betont: „Ich hoffe, dass ihr auch etwas dazu gelernt habt, das ist schließlich auch der Grund warum ihr hier seid.“ – War also der Auftritt der Geisterjäger von vornherein so geplant gewesen um weniger Scrooge sondern speziell Peter zu verändern?

Am Ende sind alle Freunde in der Zentrale versammelt und stoßen mit Punsch auf das zurück gewonnene Weihnachtsfest an. (Okay, der Alkohol sieht hier eher wie blaues Wasser aus, wahrscheinlich hat das dem Sender etwas besser „geschmeckt“.) Winston fragt sich welche Geschichten sich angesichts der Sache mit Scrooge noch als wahr herausstellen könnten… Da ertönt aus dem Off die Stimme des Weihnachtsmannes höchst persönlich und wünscht den Geisterjägern und uns Frohe Weihnachten.

In diesem Sinne also: Allen RGB-Fans eine wunderbare und geisterfreie Weihnachtszeit! 🙂

PKE-Punktewertung: 9/10

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