Schießerei in der Geisterstadt

(RGB Episode 60, Staffel 2 – „Ghost Fight At The O.K. Corral“, Autor: Mark Edens)

Von Rain

Die altertümliche Stadt Tombstone im Westen der USA wird von geisterhaften Gestalten heimgesucht. Eine festliche Zeremonie am Stadt-Friedhof muss abgebrochen werden, als sich Pistolenschüsse auf die Menschen richten. Die Geisterjäger treten die lange Reise an. Peter ist mal begeistert: Der Auftrag sowie das Wildwest-Setting der Stadt erinnern ihn an seine Kindheits-Helden, den Cowboys und Indianern aus den klassischen Büchern. Was mit verträumter Abenteuer-Romantik beginnt, stellt sich jedoch schnell als gefährliche Realität heraus. Denn bei den vier Geisterfiguren handelt es sich um Wyatt Earp und seine treuen Begleiter persönlich. Die Geisterjäger scheitern kläglich an ihnen… Doch das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Bei Sonnenuntergang kommt es zum finalen Showdown im Duell Vier gegen Vier.

Die historischen Geschichten um Wyatt Earp und seine Brüder sind hierzulande eher unbekannt. In den Staaten lernt sie jedes Kind in der Schule als einen Teil amerikanischer Kulturgeschichte. So verwundert es nicht, dass die Folge generell in Amerika einen größeren Beliebtheitsgrad besitzt als in Deutschland, da uns das Hintergrundwissen, trotz einiger Hollywood-Filme zum Thema, größtenteils fehlt. Dazu kommt außerdem, dass, wenn ich an mich persönlich denke, mich als Kind früher die fetzigeren Monster-Episoden stärker angesprochen haben, als die damals schon leicht angestaubte Kulisse einer Wildweststadt mit klassischen Revolver-Ganoven. So entpuppt sich diese Episode erst bei der Wiederentdeckung im späteren Alter als wahrer Geheimtipp, als übersehener Klassiker. Besonders auch wegen ihrer tollen Animation und ihres furiosen Finales! Dazu später mehr…

Wyatt Earp (1848 – 1929) war Geschäftsmann mit einem breiten Lebenswerk aus Arizona, im Westen der USA. Zum Kultur-Helden wurde er hauptsächlich durch sein berühmtes Duell, der Schießerei am O.K. Corral, einem Platz in der Stadt Tombstone (auf den der amerikanische Titel der RGB-Folge anspielt). Hier traten Gesetzeshüter Earp mit seinen Brüdern Morgan und Virgil, sowie ihrem Freund Doc Holliday aus familiären und ideologischen Gründen gegen die Banditen-Brüder Frank und Tom McLaury und Ike und Billy Clanton an. Die Earp-Gruppe ging als Sieger aus dem Duell hervor. Allerdings bleibt bis heute umstritten ob Earp als Nationalheld tatsächlich auf der guten Seite des Gesetzes stand und nicht viel eher Eigennutz aus seinen sozialen Positionen bezog… Schwarz und Weiß vermischen sich auf beiden Seiten der Duellisten.

Zugegeben, im Prinzip ist die Story in dieser Episode recht simpel gestrickt und mutet sowohl im Aufbau als auch wegen ihrer unzähligen Anspielungen auf allseits bekannte Wildwest-Klischees eher klassisch an. Doch das darf gerne so sein, denn dazwischen gibt es viel Schönes… Zunächst einmal ist die Geschichte ziemlich spannend erzählt. Die ruhigen Einstellungen um die karge Geisterstadt schüren perfekt die Atmosphäre, bis zu den jeweiligen Auftritten der unheimlichen Earp-Bande. Diese kommt dann mal so richtig bad-ass und humorlos daher. Sie benutzen ihre Zeigefinger wie richtige Pistolen, deren Kugeln die Jungs nur haarscharf verfehlen. Dies ist eher untypisch für die Serie, da sich selbst Klassiker-Gegner wie Sandmann oder Boogeyman nie von einem gewissen Ironie- oder Humor-Grad frei machen können. Die Monster sind gefährlich, aber naja, nie wirklich lebensbedrohlich. Hier ist das anders.
Als nächstes haben wir unsere Jungs… Peter bekommt Kontur, da er tatsächlich einmal nicht über den aktuellen Auftrag motzt, sondern auf begeisterter Art ganze Passagen aus seinen Wildwest-Romanen zitiert. Er liebt die Cowboy-Romantik des einsamen Außenseiter-Helden gegen den Rest der Welt, mit dem er sich anscheinend gut identifizieren kann. Der Geisterjäger als moderner Cowboy der Neuzeit. – Als Gruppe machen die Geisterjäger indes eine kollektive Erfahrung, die an ihr Innerstes geht. Gescheitert an der Überlegenheit der Geisterbande und nur knapp ihrem Kugelhagel entkommen, überkommt sie im Auto zunächst der große Frust angesichts ihrer Niederlage. Geben sie sich geschlagen und fahren sie nach Hause? Doch ihr Ehrgefühl meldet sich zu Wort. Der Auftrag ist längst persönlich geworden und die unerledigte Sache zwischen ihnen und ihren vier Gegenspielern kann nicht das Ende sein. Eine finale Konfrontation ist ihre Bestimmung. Die Jungs nehmen die Rollen der historischen Gegenstücke der Earp-Gruppe an; die McLaurys und die Clantons. Das letzte Kapitel ihrer eigenen Cowboy-Geschichte beginnt.
Und damit beginnt auch das furiose Finale der Episode. Bei Sonnenuntergang stehen sich die Acht am O.K. Corral gegenüber. Bereit zum Duell. Hierauf hat die Folge hingearbeitet. Man könnte vielleicht sogar sagen, die ganze Serie – denn was hier an Epik und toller Animation abgeliefert wird, sucht seinesgleichen. Die Animation der Folge ist ohnehin auf sehr hohem Niveau. Team „Schmollmund“ ist hier am Werk – am leichtesten zu erkennen, an eben diesen, die die Zeichner gelegentlich den Helden, besonders Peter, verpassen. Im Finale legt das Team noch einmal drauf. Der Anime-Touch der Serie ist hier besonders präsent, das Timing ist toll, die Coloration hat einige Farb-Abstufungen mehr parat und es gibt coole Close-Ups der Jungs (in klassischem Sergio Leone Stil), die die Dramatik erneut unterstreichen. Dann beginnt das feurige Duell und die Animateure liefern astreine Action und flüssige Animation. Revolver gegen Protonenstrahler. Kugeln und Protonen fliegen einem nur so um die Ohren! Wer gewinnt? Naja, dürfte klar sein… Allerdings siegen die Jungs nicht durch Waffengewalt, sondern mit einem cleveren Trick, der ausgerechnet Peter in den Sinn kommt. Da hat sich Venkmans Fachwissen über den wilden Westen tatsächlich für alle bezahlt gemacht.
Am Ende treten die Geisterjäger gereift auf. Ihr Schicksal ist gemeistert. Wortkarg und überlegen wie erfahrene Cowboys geben sie sich gegenüber Boris, dem Fotographen, der die Jungs bei diesem Abenteuer begleitet. In ihren Augen ist er nur ein „Greenhorn“, ein unerfahrener Neuling in der gefährlichen Welt des wilden Westens.

Außerdem sei noch erwähnt wie toll die Episode mit Slimer umgeht und ihn in die Geschehnisse integriert. Er begleitet die Jungs über die ganze Folge hinweg, doch eigentlich hat ihn nur Ray entdeckt. Taucht er mal auf, dann nicht für aufheiternden Slapstick (wie später in der Serie), nein, er hilft unseren Jungs tatsächlich mehrere Male ungesehen aus der Klemme. Slimer diesmal als der „gute Geist“, der über unseren Jungs schwebt und wacht.

Peter zitiert aus einem Cowboy-Roman: „Er war ein sehr großer Mann. Seine breiten Schultern ließen darauf schließen, dass er ein guter Reiter war. Seine Augen versprachen Ärger. Und plötzlich griff er mit seiner männlichen Hand an seine Hüfte um seinen Kolt zu ziehen.“ Winston: „Aus welchem Buch ist das?“ Peter: „Aus allen.“

PKE-Punktewertung: 9/10 – Signalausschlag: Top-15 Episode!

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