„Ich dachte, Gozer war ein Mann?“

Von Frauen und Männern in „Ghostbusters“

Das Beste an „Ghostbusters“ ist: Es funktioniert auf so vielen Ebenen. Klar, in erster Linie ist es einer der absoluten 1980er-Popcornklassiker, wie die „Indiana Jones“- und „Zurück in die Zukunft“-Filme. Doch was den Geisterjäger-Knaller über das romantisierte 80s-Feeling zeitlos groß macht, ist seine Ambivalenz – Geschrieben von intelligenten Autoren, gespielt von den damals talentiertesten Ikonen ihres Faches, mit Meisterhand dirigiert.

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„Schnappt sie euch!“

„Ghostbusters“ fährt mit dem enormen wissenschaftlichen, gesellschaftspolitischen, mythologischen und historischen Bildungswesen seiner Schöpfer Aykroyd und Ramis auf, und auch wenn das Wissen um diese reichhaltigen Bestandteile dem Großteil des Mainstreampublikums entgeht (und auch nicht zwingend fürs Funktionieren der komödiantischen Präsentation nötig ist), so macht es doch um so mehr Spaß, den Film auf diese Elemente zu untersuchen und neue Ebenen zu entdecken. Ghostbusters“ wird so mit der Zeit zu einem immer reichhaltigeren Genußwerk, weit über die simple Gaudi von vier kalauernden Männern mit Laserstrahlern hinaus.

Es sollte also eine freudige Sache sein, dass der nächste Film unter Regisseur Paul Feig nun wohl langsam, endlich, Form annimmt. Doch, oh weh: Feig hat für sein Remake ein Team weiblicher Ghostbusters angekündigt, und plötzlich war die Fanbase am Schäumen: Hunde und Katzen können vielleicht miteinander leben, aber Männer und Frauen haben offensichtlich immer noch große Probleme miteinander. Massenhysterie, schließlich ist die Geisterjägerei Männerarbeit. Bevor wir uns im Expanded Universe ein wenig nach „tatsächlichen“ Geisterjägerinnen umschauen, wollen wir aber eben zu jenem Film zurückkehren, dessen Andenken plötzlich alle gefährdet sehen: „Ghostbusters – Die Geisterjäger“. Wie sah das Frauenbild hier eigentlich aus?

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Scheinheiliges Hollywood: Pseudo-Gleichberechtigung, aber dann bitte nackt.

Frauenbilder in Hollywood sind meistens Klischee. Heutzutage haben wir die oft zitierte starke Powerfrau, die Roundhouse-Kicks verteilt, muskulöse, männliche Riesen zugrunde kloppt und bitteschön trotzdem in Hotpants daherkommen muss: Die übertriebene Comic-Stärke als Ablenkung, Wiedergutmachung, Entschuldigung für das Vorführen der körperlichen Attribute. Mit echter Stärke hat das nicht viel zu tun, eher mit Wunschdenken. Wir wären gesellschaftlich gerne irgendwo, wo wir noch nicht sind. Vor 30 Jahren war das noch schlimmer: Indiana Jones‘ weibliche Begleitung in „Tempel des Todes“ durfte den ganzen Film über nur hysterisch kreischen und gut aussehen. Sie war das auf die Spitze getriebene Klischee der damaligen Zeit. Sicher, auch Sigourney Weavers Dana Barrett schreit und muss von Männern gerettet werden, doch vergessen wir nicht, dass alles, was ihr geschieht, im Film auch einem Mann widerfährt (nämlich Rick Moranis).

Die Hauptfiguren Peter, Ray und Egon sind allesamt Nerd-Archetypen und bieten ein großartiges Identifikationspotential für verträumte Jungs: Peter ein nicht besonders attraktiver Kerl, der im stillen Kämmerlein Studentinnen anbaggert. Ray ist ein vorpubertäres Kind. Egons Tragik ist, dass ihn die Geek Science mehr interessiert als die Avancen der Damen. Ihr drolliger Männerhaushalt wird mit der erwachsenen Erscheinung Danas völlig auf den Kopf gestellt. Dana ist erfolgreich, unabhängig, intelligent. Sie ist auch attraktiv, und so bemüht sich Venkman nicht nur um sie als Kundin, sondern ungleich mehr möchte er in ihr Schlafzimmer. Doch Dana ist kein kleines Mädchen wie seine Studentin, also versucht er, überheblich, von oben herab, mit einer Größe zu punkten, die er nicht hat: „Oh, rein technisch. Eins von unseren kleinen Spielzeugen.“ Er beeindruckt sie nicht, bekommt einen Korb. Erst, als er bei ihrem zweiten Treffen aufrichtiges Interesse zeigt (er besucht ein Konzert und bemüht sich ernsthaft), bekommt er seine Chance. Indem er sie auf Augenhöhe respektiert, wird er vom Jungen zum Mann und somit interessant.

Als Dämon Zuul von Dana Besitz ergreift, spielen die Autoren Ramis und Aykroyd wie weiland Bram Stocker in Dracula mit offensichtlichen Metaphern, die offensive weibliche Sexualität als Bedrohung für den Mann. Peter, sonst immer schlagfertig, ist angesichts der aufdringlichen Dana völlig hilflos. Es bedarf eines mächtigen Gegenstücks, um einen Bill Murray-Charakter hilflos erscheinen zu lassen. Peter kann sich nur retten, indem er Dana betäubt wie ein wildes Tier – sonst wäre er buchstäblich gefressen worden.

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Doch wie ist es um all die anderen Figuren, all die Nebencharaktere, bestellt? Gleich zu Beginn des Films zeigt „Ghostbusters“ immerhin doch eine Frau als Opfer: Alice, die Bibliothekarin. Ja, Alice ist ein Opfer, aber kein junges blondes Dummchen mit zu viel Nagellack. Hier hätte man es sich auch leicht machen können. Das Dummchen kommt direkt danach, in Form von Peters Studentin Jennifer, die einfach aufgrund ihres Alters noch keine Dana sein kann. Doch ihre Schwäche wird zeitgleich überschattet von der des männlichen Probanden: Unsicher, weinerlich ist er der Prototyp der portraitierten Jungswelt der „Ghostbusters“, denn es geht so weiter: Der Bibliothekar, der Peter und Co. einige Minuten später um Hilfe bittet: Unsicher, weinerlich. Der Hotelmanager: Unsicher, weinerlich. Danas Nachbar Louis (dem wie gesagt genau dasselbe wie ihr widerfährt): ein unsicherer Bub. Dominant in seiner Schutzweste, dem Anzug, tritt nur der Antagonist Walter Peck auf, der sogar auf Konfrontation mit der schlagfertigen Janine geht. Er bekommt irgendwann den Schwanz abgesprochen, sinnbildlich für: „Du bist keiner von uns!“ – Er gehört zum Feind, er hat keinen Schnippi.

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Der Vergleich des Protonenstrahlers mit dem männlichen Geschlechtsorgan mag platt klingen, aber nachdem wir diese Dinge festgestellt (aber noch wesentlich mehr unterschlagen) haben, gewinnt er an Bedeutung, vor allem im Finale. Da treten vier Männer mit ihrem Protonenpenis gegen einen altertümlichen Gott an, und der erscheint – na klar, als Frau in Heels. Das soll der Gegner sein, so offensichtlich? Selbst Winston ist platt, denn er dachte, Gozer wäre ein Mann. „Er war, was immer er sein wollte“, erklärt Egon. Aha. Dieses mächtige Wesen hat also beschlossen, eine Frau zu sein. Noch dazu eine, gegen die sich die Protonenstrahler als wertlos (oder impotent?) erweisen. Stantz ergreift die Gelegenheit und macht aus der Göttin lieber mal schnell einen Kerl ohne sichtbare Geschlechtsmerkmale (einen weiteren Peck), den Marshmallow-Mann. Doch es hilft alles nichts: Erst, als die Gruppe gemeinsam reift, als sie die ultimative Verantwortung übernehmen – symbolisiert durch das Inkaufnehmen des Heldentodes – kommen sie zum Schuss, auf der Spitze des phallischen Wolkenkratzers kommt es zum gewaltigen Showdown, zum Höhepunkt, bevor Manhattan in glibbriger Marshmallow-Creme versinkt und Venkman die Frau bekommt. Nun können sie glücklich werden, denn sie sind ebenbürtig.

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An den Haaren herbeigezogen? Harold Ramis betonte in Interviews stets sein Verständnis eines guten Films: „Es gibt keinen Grund (einen Film zu drehen), wenn er keine interessanten Aussagen macht.“ Symbolik wirkt immer, sie muß nicht zwangsläufig bewusst wahrgenommen werden. Und wer immer noch zweifelt: „Gozer“ ist ein altertümlicher jüdischer Begriff für denjenigen, der die Beschneidung vornimmt!

„Ghostbusters“ ist kein Film, der Frauen dämonisiert, Männer entwerten will oder sonstwie auf eine Publikumsgruppe hinunterredet. Es ist ein Film, der in amüsanter Verpackung u.a. auch  gesellschaftliche Defizite aufzeigt und der sich für ein Begegnen auf Augenhöhe ausspricht. Findet dies statt, wird am Ende alles gut. Natürlich, wie schon mehrfach erwähnt, ist das nur ein Aspekt des Films, und wer davon nichts wissen will, der findet noch genug andere Gründe, um Fan zu werden.

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Wie aber sieht es im Expanded Universe aus? Die Trickserie „The Real Ghostbusters“ hatte mit ihrem Mastermind J. Michael Straczynski einen Fan des Films in bedeutender kreativer Position. Das sieht man auch daran, dass das Frauenbild weitestgehend erhalten bleibt: Janine ist mindestens so gewitzt und schlagfertig wie Peter. Sie macht sich hübsch, aber sie hat deutlich mehr zu bieten. Sie organisiert die gesamte Firmenverwaltung und wenn es hart auf hart kommt, kann sie mit dem Protonenstrahler genauso gut umgehen wie die Jungs. Sie zieht nicht ständig mit ihnen los, aber sie könnte es, wenn sie sich dazu entscheiden würde – die Jungs bieten es ihr sogar an. Sie kann sich durchsetzen, aber ohne jemals unsympathisch zu erscheinen. Sie ist nur die größte Frau unter den großen Frauen, die in der Serie auftreten. Man denke nur an Alice aus „Die anstrengende Geisterbeschwörung“ oder an Peters Begleitung in „Halt, das ist meine Freundin“. Aufrechte, gut geschriebene Frauen waren Straczynski so wichtig und prägten die Serie so sehr mit, dass er kündigte, als Fachidioten den Melnitz-Charakter zur Muttifigur zurückschraubten. Die Quoten fielen nach dieser und einigen anderen Bearbeitungen konsequent; die Serie hatte das eingebüßt, was sie zuvor herausragen ließ.

Einige Jahre später wurde die Serie als „Extreme Ghostbusters“ fortgesetzt. Wie wir alle wissen, entpuppte sich dieser Wiederbelebungsversuch als nicht allzu erfolgreich (kommerziell wie künstlerisch), doch mittlerweile haben auch die extremen Geisterjäger ihre treue Anhängerschaft. Eine Figur, die über diese kleine Fangruppe hinaus in der gesamten Community punkten konnte, ist die 17jährige Kylie Griffin – die erste reguläre Geisterjägerin. Kylie ist ein gebildetes Goth-Girl, eine Leseratte, zweifellos die talentierteste Studentin aus Egons Nachwuchsklasse. Ihre Kollegen Garrett (ein leichtsinniger Draufgänger), Eduardo (ein Schwätzer) und Roland (ein blasser Farbiger) waren schnell vergessen, während sich Kylie von dem ungeliebten Spin-Off emanzipieren konnte: 15 Jahre nach „Extreme Ghostbusters“ wurde sie als einzige Figur für eine Hauptrolle in IDWs „Ghostbusters“-Comicserie wiederbelebt und durfte fortan mit weiteren taffen Mädels Geister jagen. In einem heftübergreifenden Erzählstrang musste ein neues, fast ausschließlich weibliches Geisterjägerinnen-Team (bestehend aus Janine, Kylie und der FBI-Agentin Melanie, so einer Art Dana Scully des GB-Universums) sogar nach den „echten“ Ghostbusters suchen. Die Comicreihe hielt sich immerhin drei Jahre und wurde lebendig diskutiert.

Fazit bis hier: „Ghostbusters“ zeichnete fast immer ein realistisches, mehr aber noch ein respektvolles, von Achtung geprägtes, Frauenbild, und im offiziellen Kanon der letzten 30 Jahre gab es so einige weibliche „Ghostbustresses“. Als Regisseur Paul Feig seinen Reboot-Gedanken publik machte, war die Empörung umso überraschender: Klar gab es viele, die die bekannte Geschichte nicht von Beginn neu gestartet sehen wollten, doch der übermäßige Teil störte sich an der Idee des weiblichen Teams. Was war geschehen, was war so furchtbar schief gelaufen, und wieso konnte sich eine Community so völlig wegbewegen von dem, das Ramis, Aykroyd, Stratzynski und all die anderen Kreativen jahrelang geprägt hatten? Die Bestürzung mancher Fans ging immerhin soweit, dass sie sogar die bejahenden Kommentare Dan Aykroyds („Frauen können das!“) und Ivan Reitmans („Wir haben immer mit einem großen Frauenanteil geplant“) überhörten – jenen Leuten, mit denen sie sich so gern fotografieren ließen. Sicher, fairerweise darf nicht unerwähnt bleiben, dass Ernie Hudson sich radikal gegen die Damenliga aussprach, und das Zitat ist dann auch sehr dankbar aufgegriffen worden. Aber man muss auch ehrlicherweise sagen, dass sich Hudson in erster Linie auf einen Job gefreut hat. Sein Verdruss ist eher beruflicher Natur, und letzten Endes ist er Winston, man kann ihm nicht böse sein.

Um das Tohuwabohuoder eher, das Tohuwabuuu! Hu  – psychologisch zu erklären, muss man vielleicht einfach 30 Jahre zum ersten Film und zu den ersten Absätzen dieses Artikels zurückgehen und sich eingestehen, dass sich gesellschaftlich noch nicht allzu viel getan hat, seit Ramis und Aykroyd ihre Parabel vom unsicheren Mann geschrieben haben. Die Emanzipation hat so viele (Pseudo-)Fortschritte gemacht, nun ist aber auch gut, denn schließlich soll wenigstens in der heilen Nerdwelt eben diese in Ordnung bleiben. Den Protonenstrahler wollen wir uns nicht auch noch abnehmen lassen!

Ganz im Sinne des scheinheiligen Zeitgeistes und vor allem der postpubertären Fanboys hat sich in den letzten Jahren auch das Geisterjäger-Merchandise vom feministischen Grundgedanken der Vorlage entfernt. Halbnackte Manga-Statuen teilen sich den Warenkorb mit Halloweenkostümen, die eher nach Straßenstrich als nach paranormaler Pionierarbeit aussehen. Frauen dürfen heute alles, auch mit PKE-Geräten durch die Gegend laufen, so lange sie dabei sexuell verfügbar bleiben (und dementsprechend aussehen) und man sie nicht ganz ernst nehmen muss. Es ist ein fauler Kompromiss, den eine Welt dominierender, schwacher Männer Frauen anbietet, die das ihrerseits ob seiner Normalität oft gar nicht infrage stellen. Shizophrenerweise führt dieses kaputte Selbstverständnis nun auch bei weiblichen Fans zum Reboot-Protest: Niemand will sehen, wie Geisterjägerinnen im Mini auf die hübsche Nase fliegen – Keiner (und keine) kann sich vorstellen, dass Paul Feig auf die näherliegende Idee kommt, gute Charaktere zu schreiben. Sigourney Weaver und Annie Potts scheinen lang vergessen. Schande. Schande!

DF11752_ra_orgPaul Feig hat einen schweren Stand, aber er weiß das und er kann diesen Test bestehen. Sein Film „Brautalarm“ war ein genial witziger Ensemblefilm mit liebenswerten Figuren und mit Herz. Es war kein Mädelsfilm, sondern ein Film mit Mädels (das ist ein Unterschied). Wenn die Leute denen wir trauen, weil wir ihre Arbeit so sehr schätzen dass wir 30 Jahre später immer noch mit Pack auf dem Rücken herumlaufen… Wenn diese Leute (Murray, Aykroyd, Reitman, Ramis zumindest indirekt, siehe Zitat am Ende) Paul Feig für den Richtigen halten, warum können wir es dann nicht?

Vielleicht liegt hier auch das Potenzial zur Aussage des Ghostbusters-Reboots: Damals mussten vier Männer gemeinsam Größe lernen, um es mit einer dämonisierten Weiblichkeit aufnehmen zu können, und als Dank kam die Geliebte aus den Überresten des Terror-Hundes, Mann und Frau fanden zueinander. Im neuen Film müssen sich nun vielleicht vier Frauen einem dominanten männlichen Geist stellen, der sich in seiner Macht bedroht fühlt. Auch hierfür würde ein sehr alter Mythenschreck gut herhalten – ein überaus alter, mindestens einer aus den Fünfzigern. Und wenn Feig clever ist, bittet er Bill Murray, die Rolle zu übernehmen 🙂

Abschließend kann diesen Artikel am besten ein Zitat von Harold Ramis beenden:„Die Idee eines nächsten Films ist nicht, dem Publikum mehr von dem zu geben, das es bereits gesehen hat, sondern etwas Neues zu bieten. Wir möchten, dass die Leute eine neue Erfahrung machen, sonst hat der Film keinen Sinn.“

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