Da lachen ja die Hühner

(RGB Episode 31, Staffel 2 – „Chicken He Clucked“, Autor: J. Michael Straczynski)

Von Rain

FolgeImFokus4A

Hühner! Ein offenbar etwas verwirrter Mann wird vom Federvieh verrückt gemacht: Hühner, ob gebraten oder als Plastikfigur, rauben ihm die Nerven. In seiner Verzweifelung besorgt er sich Bücher zur Dämonenbeschwörung und bekommt von Morganon, einem Abgesandten einer düsteren Dimension, die Fähigkeit Dinge verschwinden zu lassen – was er umgehend am gesamten Hühneraufkommen der Welt anwendet. Die Geisterjäger nehmen den Fall auf, werden aber vom „Hühnermann“ in die andere Dimension befördert. Ausgerechnet von Morganon werden sie gerettet – der wurde nämlich zwischenzeitlich zum Gespött der gesamten Dämonenwelt weil er sich auf den verrückten Hühnerhandel eingelassen hat. Er möchte Hilfe von den Geisterjägern. Da lachen ja die Hühner!

J. Michael Straczynski – Story-Editor der Serie und einer ihrer Autoren – schrieb diese verrückte Geschichte. Inspiriert dazu wurde er nach eigener Aussage vom ständigen Duft von gebratenen Hühnchen im Produktionsbüro, das in der Nähe einer Imbissbude gelegen war. So entstehen Geschichten. Dabei zeigt die Folge sowohl J.M.Straczynskis (kurz JMS) Art auf originelle Ansätze für den Kosmos der Geisterjäger zu schöpfen, als auch die gute formale Ausführung der Storys als Autor vieler RGB-Skripte. Als Story-Editor der Serie ist er außerdem für den gesamten Inhalt der Staffel 1 und 2 verantwortlich: Er klärt die Geschichten der anderen Autoren ab und ergänzt sie gegebenenfalls mit Elementen oder auch Humor.

JMS war damals noch relativ unbekannt im Geschäft und kam zur Serie erst durch einen Geheimtipp. Dem Chef der Produktionsstätte DIC, dem ein Story-Editor fehlte, wurde geflüstert, dass der Typ ganz witzig sei… JMS, damals schon ein Fan des GB-Films, kam diese Entscheidung nur recht. Heute ist JMS ein angesehener Skript-Autor für Comic bis Kino. Sein Drehbuch für Eastwoods „Der fremde Sohn“ wurde hoch gelobt – seine Geschichten für Kulthelden wie Superman oder Spiderman werden von Comiclesern sehr geschätzt – und als Schöpfer der Serie Babylon5 gelang ihm weiterer Kultstatus.

Zurück zur Folge. Zugegeben, die spätere Plotstelle um die Geisterjäger, die dann künstliche Robo-Hühner bauen um den Hühnermann hinter’s Licht zu führen, mutet etwas unglaubwürdig und nach typischem Zeichentrickrezept an (und wird von Peter auch nur von einem müden „Das klappt doch nie“ kommentiert) – aber das ist nur eine kleine Schwachstelle bei JMSs ansonsten äußerst cleverer Art Geschichten für die Ghostbusters zu entwerfen. Dabei gelingen JMS stets zwei Kunststücke:

Zum einen ÜBERNIMMT er die Vorgaben aus dem GB-Film ins 22-Minuten Zeichentrick-Format und bleibt dem Geiste der Vorlage treu. So wandelt zB. der Humor wie im Film treffsicher zwischen trocken und Slapstick. Er erreicht so die Kids genauso wie die älteren Fans. Die meisten Gags reifen mit der Zeit, funktionieren im Erwachsenenalter besser denn je. Dabei werden vor allem die Figuren individuell getroffen. Ein Großteil der Gags ergibt sich erst aus ihren differenzierten Charakteren. Überdies werden Motive und Ideen direkt aus dem GB-Film aufgegriffen: Die Menschheit ist laut Shandor zu krank zum überleben? JMS zeigt uns mit dem Hühnermann ein Beispiel ganz deutlicher Natur.

Zum anderen ERGÄNZT JMS die Vorgaben aus dem Film sinnvoll. Was die Figuren betrifft, so gibt er ihnen immer wieder Zeit um ihre Charaktere oder Vorlieben auszubauen oder zeigt kleine Biografien aus dem Familienkreis der Helden. Was die Geschichten betrifft, so ergänzt er das Filmkonzept durch Genres ganz unterschiedlicher Art, was wunderbar funktioniert und im Serienformat für die nötige Abwechslung sorgt: Von düsterer Weltuntergangsgeschichte (Was ist Ragnarock?), über kindgerechte Slimer-Folge (Von Poltergeistern verfolgt), bis hin zu Mysterie, Parodie oder eben albernem Slapstick wie in „Da lachen ja die Hühner“.

Immer mit Leichtigkeit, Humor und Sozialkritik! All das hat JMS perfekt an GB verstanden und all das macht RGB, meiner Meinung nach, zur cleversten Zeichentrickserie ihrer Zeit bis die Simpsons ein paar Jahre später durchstarteten und eine neue Ära einleiteten. GB3 steht in den Startlöchern? Lasst JMS das Skript schreiben!

FolgeImFokus4B

Wieder zurück zur Hühner-Folge. Bei allen Albernheiten und Gegacker kann man die offensichtlich okkulten Themen in der Geschichte nicht übersehen: Hier geht es um direkte Teufelsbeschwörung und Handel mit Dämonen. Starker Tobak für Trick-TV! Was meine persönliche Vorliebe und Einstellung betrifft so brauche ich Elemente dieser Art nicht unbedingt im kreativen Unterhaltungsbereich. Erst recht nicht in RGB, die solche konkreten Ansätze auch meist übergeordneterweise umgehen und den Fokus stattdessen lieber auf Komödie setzen. (Ganz im Gegensatz übrigens zur bizarren Nachfolgeserie Extreme Ghostbusters.) RGB wäre aber nicht JMSs cleveres Baby wenn es nicht auch unter diese urbösen Elemente in typischer Weise einen doppelten Boden spannen würde oder der deftigen Thematik alleine schon durch den Humor jede Kraft rauben würde. Denn schaut man genauer hin, so steckt mehr zwischen den Zeilen. Zunächst haben wir hier unseren „Hühnermann“, der in der Folge ohne Namen bleibt. Dies und die Tatsache dass hier ein offensichtlich geisteskranker Mann handelt, der selbst schon wie ein Huhn aussieht und stinkt, machen gleich zu Beginn jede Identifikation mit dem Protagonisten zu Nichte und schaffen gegenüber ihm und seinem Handeln eine ablehnende Haltung. (Zum Vergleich: Extreme GB lässt frustrierte Leute von nebenan auftreten, die sich durch die Beschwörung Vorteile erhoffen.) Fazit also: Nur ängstliche Deppen versuchen sich in schwarzer Magie. Oder wie es Egon in dieser Folge beschreibt: Klassischer Fall eines einstelligen Intelligenzquotienten.

Aber auch die Hölle selbst (in der Serie meist als andere Dimension oder Unterwelt umschrieben) wird ironisch entkräftet. Wir sehen da nur einen hotelartigen Wartebereich mit einem Empfangs-Tresen an dem ein lang-gehörnter Dämon sitzt und eingehende Beschwörungen der Menschen wie ein Telefonrezeptionist vermittelt. Die ganze Dämonenwelt wird dann später durch die absurde Hühnerzauberei durchrüttelt – Morganon wird (ebenso wie der Hühnermann) zum Loser seines Umfelds. Sein kleiner Begleit-Dämon kommt dabei die ganze Zeit über aus dem Lachen nicht mehr raus. Von ihm stammt dann auch der Titel der Episode: „Da lachen ja die Hühner“.

Die Animation der Folge ist dabei leider nur mittelprächtig. Vor allem die gemalten Hintergründe wirken durchgehend etwas trist und leer, was vor allem bei den Schauplätzen in der anderen Dimension oder bei den verschiedenen Imbissbuden schade ist…

Formal lebt die Folge aber an anderer Stelle auf. So sei mal wieder die deutsche Synchronisation hervor gehoben, die die beiden neuen Hauptfiguren Hühnermann und Morganon erstklassig vertont. Der Hühnermann wird von Schauspieler/Regisseur Jürgen Thormann gesprochen – Morganon von Schauspieler Harry Wüstenhagen. Thormann ist eine Größe im Synchronbereich und erhielt 2007 den Deutschen Preis für Synchron für sein herausragendes Gesamtschaffen. In RGB spricht er immer wieder verschiedene Nebenrollen – als Hühnermann kann er allerdings richtig aufdrehen und seine Stimme auf manische Weise von hoch bis tief modulieren, was ihm hörbaren Spaß bereitet. Man erkennt ihn kaum wieder. Harry Wüstenhagen ist ebenfalls gelegentlich in der Serie zu hören. In „Der Mann, der nie ankam“ spricht er zB. die Titelfigur und gibt dort ebenfalls eine denkwürdige Leistung ab. Seine markante, raue Stimme ist ganz wunderbar und dürfte jedem Hörer gleich eine seiner vielen Synchronrollen vor Augen/Ohren führen. Bei mir ist es zB. der sprechende Gehirn-Gremlin aus Gremlins 2. Sein Schaffen im Theater- und Synchronbereich ist dabei beachtlich. 1993 zog er sich mit 65 Jahren aus der Branche zurück und verstarb sechs Jahre später.

Für beide Rollen kann man sich keine besseren Sprecher vorstellen.

Als Morganon am Ende wieder in die Unterwelt verschwindet, verabschiedet er sich von den Geisterjägern: „Auch wenn Dämonen wie ich für euch nicht sehr viel übrig haben – das habt ihr gut gemacht. Ich werde euch wieder sehen – naja, zumindest einen von euch.“ Die Jungs schauen kommentarlos auf Peter. 🙂

PKE-Punktewertung: 7/10

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